Kryonik, Weltraumfahrt und Klassenkampf 2.0

Vom dritten Treffen der europäischen Transhumanisten in London

Die Jahrtausendwende ist vorüber, der Weltuntergang (sprich: Y2K-Crash) ist ausgeblieben und die Öffentlichkeit beginnt interessierter und positiver auf neue Technologien wie die Gentechnik zu blicken. Grund zur Freude also für ein paar Dutzend europäische Transhumanisten, die sich vom 14.-16. Juli in London zur "TransVision MM" trafen, der bereits dritten Zusammenkunft dieser Art in Folge.

Anreize, die Konferenz zu besuchen, gab es wie in den vergangenen Jahren für die Anwesenden genug: das Knüpfen persönlicher Bekanntschaften mit interessanten Persönlichkeiten, das Informieren über die Arbeitsgebiete und Ergebnisse Gleichgesinnter wie auch geladener Redner, die Planung künftiger Aktionen etc. Auch wenn es im Vorfeld einige organisatorische Unsicherheiten gegeben hatte, war doch wieder ein Zuwachs an Besuchern gegenüber den letzten Treffen zu konstatieren. Neben den (üblichen) "Insidern" gaben diesmal auch einige externe Vortragende reichlich Stoff zum Nachdenken und Diskutieren.

Die zahlenmäßig starke Gruppe deutscher Transhumanisten von der Deutschen Gesellschaft für Transhumanismus (8 Besucher) zog zusätzlichen Nutzen aus der Konferenz durch die Möglichkeit, sich einmal "in real life" zusammenzusetzen. Aufgrund der starken geographischen Streuung trifft man sich gewöhnlich nur auf Mailing Lists und in Chat Rooms; hier in London konnte man nun der einen oder anderen Email-Adresse das passende Gesicht zuordnen.

Schließlich hatte in diesem Jahr auch die Presse Notiz von der Veranstaltung genommen und war sporadisch bei besonders in der nicht ganz so ernsthaften Presse gut zu vermarktenden Themen wie Kryonik oder Cyborgs anwesend.

Auf Eis gelegt

Am Freitag nutzten viele der Angereisten die (naheliegende) Möglichkeit, bei Alcor UK, dem englischen Ableger der gleichnamigen amerikanischen Kryonik-Organisation, vorbeizuschauen. Nach einem herzlichen, beinahe überschwänglichen Empfang durch zwei Alcor-Mitglieder (alle Alcor-Mitarbeiter in UK sind ehrenamtlich tätig) ging es an die Besichtigung der Lokalität und Ausrüstung.

Die englische Niederlassung unterscheidet sich von der amerikanischen in einem wesentlichen Punkt: hier sind alle auf eine Kryo-Suspension vorbereitenden Prozeduren wie der Austausch der Körperflüssigkeiten und das Einbringen von Gefrierschutzmittel, chirurgische Vorbereitung der Neurosuspension und Kühlung mit Trockeneis möglich, nicht jedoch die endgültige Abkühlung auf 77 K und die Lagerung in flüssigem Stickstoff. Die große Hoffnung aller europäischen Kryoniker besteht daher im Aufbau einer Kryonik-Bank auf dem alten Kontinent in den nächsten Jahren. Bis dahin müssen die Patienten zum Alcor-Hauptsitz nach Arizona geflogen werden. Damit dies möglichst problemlos vonstatten geht, wird im Vorfeld eine reibungslose Zusammenarbeit mit lokalen Krankenhäusern und einem international operierenden Bestattungsunternehmer angestrebt.

Langzeitlagerung bei Alcor

Weltraumtourismus

Die eigentliche Konferenz bestand aus einem bunten Mix unterschiedlichster Themen, die in lockerer Atmosphäre unter reger Beteiligung der Zuhörerschaft behandelt wurden. Den ersten Vortrag hielt schon fast traditionsgemäß der wie üblich faszinierende Anders Sandberg. Er hatte sich diesmal zum Ziel gesetzt, den "Uploading"-Enthusiasmus der meisten Transhumanisten etwas zu dämpfen und einen realistischeren Blick auf die zu erwarteten hochkomplexen Probleme bei der Übertragung des menschlichen Bewusstseins auf künstliche Substrate zu werfen.

Garret Smyth, Hauptorganisator der Konferenz, gab anschließend einen kurzen Bericht von der Kryonik-Front, d.h. der aktuellen Entwicklungen, die auf der diesjährigen Alcor-Konferenz Gesprächsthema waren. Hier ging es vor allem um Hoffnung machende Fortschritte bei der Gewebevitrifizierung - das Design effektiver Gefrierschutzmittel soll die Bildung von Eiskristallen beim Abkühlprozess des Gewebes unterbinden. Diese könnten die komplexe neuronale Struktur des Gehirns zerstören und so eine spätere Rekonstruktion unmöglich machen - letztere ist ja das eigentliche Ziel kryonischer Anstrengungen.

Der Weltraum - ihn einmal selbst zu betreten dürfte ein Traum eines jeden Zukunftsbegeisterten sein (oder zumindest in der Jugend gewesen sein). David Ashford, Direktor des kleinen britischen Privatunternehmens Bristol Spaceplanes, versuchte die Konferenzteilnehmer davon zu überzeugen, dass ein Weltraumurlaub ab 2007 zu einem erschwinglichen Preis (ab 10000 Dollar) für Privatpersonen möglich werden könnte. Natürlich wird man dies von den großen Weltraumagenturen nicht erwarten können, und so hat sich seine Firma aufgemacht, einen wie ein Flugzeug startenden und landenden Raumgleiter, den "Ascender", zu entwickeln, der im Gegensatz zum Space Shuttle ohne "Wegwerfkomponenten" auskommt und dadurch extrem preiswert operieren könnte. Vorbild hierfür ist das amerikanische Experimentalflugzeug X-15, das in den sechziger Jahren Erfolg versprechende Leistungen erbrachte, ehe dieser Zugang zum Weltraum zugunsten der Trägerraketen aufgegeben wurde. Ashford kündigte an, dass der "Ascender" in der ersten Entwicklungsstufe eine Maximalhöhe von 80 km erreichen und zwei Minuten in der Schwerelosigkeit verweilen könne - vorausgesetzt, für die Finanzierung (etwa 40 Mio. Pfund) finden sich Investoren. Der Zweifel des geneigten Publikums war an dieser Stelle allerdings nicht zu übersehen.

Aus den Weiten des Kosmos zurück in die Welt der Atome führte anschließend der Nanotechnologie-Überblick von Philippe van Nedervelde, Europa-Direktor des  Foresight Institute. Der Vortrag brachte inhaltlich nicht viel Neues, dafür bekannte Philippe, schon lange unbewusst Transhumanist gewesen zu sein (ein Gefühl, dass viele im Publikum aus eigener Erfahrung kannten), und er fühlte sich im Kreise der Konferenzteilnehmer sichtlich wohl.

Klassenkampf, Ver. 2.0

Auch in diesem Jahr betrat der höchst originelle Alexander Bard das Podium, um Auszüge aus seinem in Kürze erscheinenden Buch über Klassenstrukturen in der modernen Netzgesellschaft ("The Netocracy vs. The Consumptariat") vorzustellen und zu illustrieren. Für Bard folgt nach Feudalismus und Kapitalismus nun die nächste Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung, der Informationalismus, in dem die Verwalter und Verteiler von Information die (heimliche) Herrschaft übernehmen und die reale Wechselwirkung durch eine Art Hyperrealität ersetzt und über diverse Medien vermittelt wird.

Noch funktioniert der Kapitalismus in seiner modernen Form jedoch noch, und das gibt Menschen mit Visionen die Möglichkeit, große Ideen anzupacken und praktisch umzusetzen. Solch ein Mensch ist Philippe van Nedervelde, und so hat er gleich eine ganze Reihe Start-Up-Firmen geschaffen, die sich um ein gemeinsames Ziel gruppieren: den Menschen so "gottähnlich" zu machen wie möglich.

Dies ist keine Blasphemie, sondern wurzelt in der Idee, dem Menschen mit Hilfe der modernen Technik all die Eigenschaften und Möglichkeiten zu verschaffen, die gemeinhin nur Göttern in alten Sagen sowie Superhelden in Comics zugeschrieben werden. (Beispiele gefällig? Bitte schön: Unverwundbarkeit bzw. unbegrenzte Lebensspanne ohne zu altern, Telepathie, Erschaffung beliebiger Gegenstände ohne großen Aufwand, fliegen können ... Für all dies gibt es technologische Ansätze, die dem Ziel nahekommen: Nanomedizin und Cyborgs, drahtlose Breitbandkommunikation, Nanotechnologie, individuelle Fluggeräte ...) Ein so manchen anspornendes Beispiel für die Umsetzung relativ abstrakter und theoretischer transhumanistischer Konzepte in die Praxis schon heute, bevor entwickelte Nanotechnologie und künstliche Intelligenz die Welt gewaltig umkrempeln werden.

Einen praktischen Aspekt beleuchtete auch Anders Sandberg in seinem zweiten Vortrag zum Thema Gedächtnisverbesserung. Dieser resultierte in der ernüchternden Feststellung, dass trotz intensiver Forschung Wasser und Zucker bisher immer noch als die wirksamsten Substanzen in dieser Richtung gelten. Der Effektivität im Angebot befindlicher Wunderpillen sollte man also skeptisch gegenüberstehen...

"My Life as a Cyborg"

Der letzte Vortrag der Konferenz kam zugleich vom prominentesten geladenen Redner, gemessen zumindest am Medienecho zu seinen jüngsten Experimenten. Kevin Warwick vom Kybernetik-Institut der Universität Reading war gekommen, um Einblick in Stand und Sinn seiner Forschungen zur Integration von Elektronik und biologischem Gewebe zu geben.

Mitgebrachte Videos illustrierten den heute schon erzielbaren Nutzen, so z.B. für Parkinson-Kranke, deren Anfälle durch ins Gehirn eingebrachte Elektroden fast vollständig unterdrückt werden können (ohne zusätzliche Medikamente), oder für Gelähmte, die über im Schädel implantierte Sonden einen Mauszeiger steuern und so wieder mit ihrer Umwelt kommunizieren können. Warwick selbst, der sich als überaus witziger und charmanter Redner erwies, plant, das [local] nächste Experiment im Zeitraum der nächsten 18 Monate durchzuführen und diesmal einen in den Arm implantierten Chip mit dem Armnerv zu verbinden, um die durch verschiedene Gefühls- und Sinneseindrücke hervorgerufenen Signale aufzeichnen und auch wieder einspielen zu können. Man darf gespannt sein auf die Ergebnisse und die Reaktion der Öffentlichkeit.

Dem interessierten deutschen Leser sei abschließend gesagt, dass die Ausrichtung der nächsten TransVision wie erwartet an die deutschen Transhumanisten vergeben wurde. Man trifft sich also im  Juni 2001 in Berlin, um wieder ein Stück in die Zukunft zu schauen ...