TransVision 2003 - Die TransVision im Umbruch

von Torsten Nahm

 

Zum ersten Mal fand die Transvision in den USA statt, unter der Leitung der erstarkenden World Transhumanist Association (WTA). Dieses Jahr waren neben den Technik-Begeisterten auch viele Ethiker und Anwälte mit von der Partie, denn die Organisatoren hatten sich bewusst bemüht, die transhumanistische Diskussion für weitere Teile der Gesellschaft zu öffnen. Doch dabei blieb auch manche Diskussion und Vision auf der Strecke.

Den Widerspruch zwischen den beiden Kulturen zeigte eindrucksvoll die Podiumsdiskussion zum Thema Posthumanismus, mit der die Transvision am Freitag Abend eröffnet wurde. Es diskutierten Gregory Stock, Autor von „Redesigning Humans: Our Inevitable Genetic Future“, und George Annas, Professor für Gesundheitsrecht, Kritiker von genetischer Modifikation und einer der führenden Gegner menschlichen Klonens. Überraschend für viele im Publikum begann die Diskussion mit einer breiten Übereinstimmung der beiden Kontrahenten in vielen Punkten.

Insbesondere befürwortete auch Stock, dass erwachsene Menschen in Eigenverantwortung ihren Körper genetisch verändern dürfen, solange sie anderen nicht schaden. Doch schon bald geriet der Dialog ins Stocken, Annas und Stock stritten darüber, ob genetische Modifikation an der Keimbahn, also an Embryos, erlaubt sein sollte. Worin der Konflikt genau bestand, entzog sich schon bald allen bis auf die aufmerksamsten Zuhörer. Die Streitpunkte schienen nicht so sehr praktisch zu sein, sondern im unterschiedlichen Weltbild zu liegen. Der Naturwissenschaftler Stock hatte eine völlig andere Auffassung von dem, was Natürlichkeit (im Gegensatz zur Technik) bedeutet, als der Geisteswissenschafter Annas.

Die Aufmerksamkeit für die Diskussion nahm wieder zu, als sich die beiden der Show wegen gegen Ende noch ein paar persönliche Angriffe und Gefechte lieferten, doch auch das konnte aller ermüdenden Statements und Gegenstatements zum Trotz nicht darüber hinweg täuschen, dass sachlich beide weitgehend einer Meinung waren, und die Differenzen hauptsächlich ideologischer Natur waren.

Ein pikantes Detail am Rande, und für viele der Anwesenden interessanter als die Diskussion an sich, war eine Aussage Annas’. Er sagte, dass ihm das reproduktive Klonen, für dessen Verbot er vehement streitet, in Wirklichkeit ziemlich egal sei. Es gehe ihm vielmehr darum, einen Präzedenzfall zu schaffen für ein weltweites Verbot einer neuen Technik.

Er hoffte, wenn es gelänge solch ein Verbot durchzusetzen, dass es dann in Zukunft schneller und einfacher sei, auch andere und wichtigere technologische Neuerungen zu verhindern.

Die Podiumsdiskussion war in Punkten typisch für etliche Dialoge auf der Transvision. Wie zwischen Stock und Annas standen oft nicht so sehr inhaltliche Differenzen zwischen Transhumanisten und Ethikern im Vordergrund, sondern der Dialog rieb sich an den unterschiedlichen Kulturen und Weltbildern. Aber es wurden auch viele Brücken geschlagen.

Die meisten der Ethiker waren offen für Dialog und bereit, sich mit der Möglichkeit radikalen technischen Fortschritts und dessen gesellschaftlichen Konsequenzen auseinander zu setzen. So waren es eher die Transhumanisten, die aus ihrem tiefen Fortschrittsglauben heraus des öfteren nur zu Lippengeständnissen bereit waren, was ethischer Verantwortung allgemein und speziell die Gefahren von Nanotechnologie und Künstlicher Intelligenz für den Fortbestand der Menschheit anging.

Die Transvision 2003 wies, gegenüber den vier vorhergehenden europäischen Konferenzen, eine deutliche Professionalisierung auf. Statt einer Veranstaltung mit der gemütlichen Atmosphäre eines transhumanistischen Klassentreffens und maximal 30 bis 40 Transhumanisten, waren es diesmal über 130 Teilnehmer, die zur Yale University nach New Haven gereist waren und ein volles Kongressprogramm absolvierten. Ebenfalls zum ersten Mal liefen bis zu 4 Veranstaltungen, in Panels zusammengefasst, parallel. Jeder dieser Panels bestand wiederum aus zwei bis drei Einzelvorträgen, so dass ein sehr dicht gedrängtes Programm entstand. Daruntern litt leider oft die Qualität, und viele der Vorträge wirkten gehetzt oder unausgegoren. Es wäre zu wünschen gewesen, dass die Organisatoren mehr auf Qualität denn auf Quantität geachtet hätten. Auch die transhumanistische Relevanz der Vorträge war zum Teil nur in Ansätzen spürbar.

In einem Vortrag über rechtliche Aspekte der Hirn- bzw. Kopftransplantation etwa fragte John Cohan sich und das Publikum, mit wem nach der Transplantation von A’s Kopf auf B’s Körper der resultierende neue Mensch C verheiratet wäre, mit A’s Frau oder mit der von B, oder ob C denn auch B’s Haus gehöre. Während diese Fragen für Juristen im Spektrum zwischen albern und avantgarde liegen mögen, waren etliche Zuhörer nicht so angetan von den Spekulationen. Denn die Kopf-Körper-Transplantation gilt den meisten Transhumanisten als uninteressant: Das entstehende Individuum ist vollständig querschnittsgelähmt, weil die Nervenbahnen zwischen Hirn und Körper nicht die Fähigkeit besitzen, funktional zusammenzuwachsen.

Ein unbestrittener Höhepunkt der Konferenz war dagegen der Vortrag „Forseeable Life Extension“ von Aubrey de Grey vom Department of Genetics der University of Cambridge. De Grey, in der Lebensverlängerungsszene einschlägig bekannt, und auch Gast auf der letzten Alcor Conference on Extreme Life Extension (http://www.alcor.org/conferences/2002/), ist einer der wenigen Wissenschaftler, die sowohl seriös und in der wissenschaftlichen Community anerkannt sind, und die sich gleichzeitig trauen, öffentlich von radikaler Lebensverlängerung zu reden. Wo sonst viele transhumanistische Visionen in der unbestimmten Zukunft schweben, schaffte er es, überzeugend und prägnant zu begründen, warum wir in 30 bis 40 Jahren die menschliche Lebensspanne auf 150 Jahre verlängern könnten, und er gab sogar einen expliziten Weg an, wie man dorthin gelangen könnte.

Seine These war, dass viel von der momentanen Anti-Aging-Forschung fehlgeleitet sei. Er verglich den alternden menschlichen Körper mit einem alten Haus, das durch einen Sturm einen Schaden am Dach erlitten hatte. Durch das Loch regnet es nun fortwährend herein, was zu Wasserschäden führt. Wäre das Haus ein Mensch, würde der Geriater nun nicht an die Quelle des Problems gehen und das Dach reparieren, sondern nur immer wieder neue Tapeten und Tepiche kaufen, um die Wasserschäden zu beheben. Der Gerontologe dagegen würde versuchen, den Schaden von vornherein zu beheben, indem er etwa hohe Bäume um das Haus pflanzt, damit der Wind beim nächsten Sturm von diesen gebrochen wird. Diese Maßnahme sei aber nicht nur sehr teuer, sondern möglicherweise selbst schädlich, da dann beim nächsten Sturm einer der Bäume ausgerissen und gegen das Haus geschleudert werden könnte.

Was statt einem Geriater oder Gerontologen gefragt sei, sei ein Ingenieur, der das Loch im Dach ausbessert. Wenn wir vom Haus wieder zum Menschen zurück kehrten, gäbe es leider nur die wenige Forscher, die sich tatsächlich als Ingenieure des Alterns betrachten würden. Gerade dies ist nach de Grey jedoch der vielversprechendste Ansatz. Denn es gebe unzählige Möglichkeiten, wie der menschliche Körper (das Haus) Schaden nehme, so dass es unmöglich sei, den Körper präventiv davor zu schützen. Ebenso gebe es unzählige Arten, welche Folgen Altersschaden später nach sich zieht (Demenz, Diabetes, Rheuma, Arteriosklerose, etc.). De Grey gab aber eine Liste von nur 7 Punkten an, die alle Typen von Altersschäden selbst beschreiben. Wäre es möglich, diese 7 Arten des Schadens – als Ingenieur – zu flicken, würde das allein die Lebensspanne erheblich auf gut 150 Jahre verlängern. Er schlug ein konkretes Programm vor, das (etwa mit einer Multimillionendollar-Spende und einer eigenen Forschungseinrichtung) dieses Ziel realistischerweise in 30 Jahren erreichen könnte. Ob unter den begeisterten Zuhörern ein entsprechend spendabler und wohlhabender Transhumanist saß, ging leider im abschließenden Applaus unter.

Die meisten anderen Vorträge ließen de Greys Brillianz vermissen, und wiederholten diverse Zukunftsspekulationen, die höchstens die noch ganz unbedarften Besucher der Konferenz überraschen konnten. Viel der Diskussion bewegte sich um vage Prognosen der Zukunft, die entsprechend blumig umschrieben dann so unbestimmt waren, dass sie kaum Widerspruch hervorrufen konnten.

Andrew Zolli, der durch seine etwas ungnädige Satire in Wired von sich reden gemacht hatte, benutzte dagegen die sehr konkrete Daten demographischer Alterspyramiden, um soziale Entwicklungen der Gesellschaften zu prognostizieren. Seine Aussagen waren zwar erfrischend konkret, doch auch bezweifelbar. Denn, wie ein Zuhörer formulierte: Es mag zwar sein, dass es in den USA in 30 Jahren viel mehr Alte im Verhältnis zu Jungen gibt. Aber könnte es nicht sein, dass bis dahin viele Dienstleistungen durch neue Technik automatisiert oder zumindest außerhalb der USA erbracht und importiert werden können, so dass Zollis Warnung von mangelnder Versorgung der Alten übertrieben sei?

Dieses immer wiederkehrende Problem aller Zukunftsspekulation, die Warnung und Frage, wieweit man die Welt von morgen mit den heutigen Maßstäben messen kann, bildete ein Grundthema der Konferenz. So gingen die Teilnehmer in der Gewissheit nach Hause, interessante Spekulationen und Ansätze kennen gelernt zu haben, jedoch mit der Ungewissheit, ob sie nicht doch nur über Luftschlösser diskutiert haben.

Dennoch hat die Konferenz neue Impulse gesetzt, und es hat sich deutlich gezeigt, dass auch in den USA das Bedürfnis nach einer transhumanistischen Konferenz besteht, die eher dem staatlich-sozialen „europäischen“ Transhumanismus zugewandt ist, und die mit ihrem Austragungsort an der Ostküste nicht nur ein räumliches Gegengewicht zu den kalifornischen, stark libertär und anti-staatlich geprägten Extro-Konferenzen darstellt. Die Transvision 2004 wird in Toronto stattfinden, doch die wenigen anwesenden Europäer haben sich verständigt zu versuchen, die Transvision 2005 wieder nach Europa zu holen, damit ihre europäischen Wurzeln nicht ganz in Vergessenheit geraten.

 

2003-07-25