Transvision 2004: Technik und Kunst in Kanada

Die diesjährige Transvision fand in Toronto, Kanada, statt und stand unter dem Motto "Art and Life in the Posthuman Era". Entsprechend gesellten sich zu dem üblichen Programm von Vorträgen über die Technik der Zukunft etliche künsterlische Vorträge und Exponate: Während die posthumane Bedeutung der ausgestellten fluoreszierenden Brieftaschen unklar blieb, zeigte der australische Performance-Künstler Stelarc ansprechend den spielerischen Umgang mit körperlicher Modifikation und Technik, etwa mit einer über die Bauchmuskeln gesteuerten mechanischen dritten Hand. Und womöglich trägt gerade dieser konkrete Umgang mit Technik mehr zur Rezeption des Transhumanismus bei als die geballte Abstraktion der technischen Vorträge, die wie üblich von den Gefahren der Nanotechnologie bis zum Leben am Ende der Zeit reichten.

Mit 100 Teilnehmern war die Transvision 2004 zwar etwas kleiner als die Transvision 2003 in den USA, aber deutlich größer als die europäischen Transvisions früherer Jahre. Eröffnet wurde die Konferenz am Freitag Abend mit einem Grußwort von Robert Logan, einem Professor an der Universität von Toronto. Er war anwesend für das Marshall McLuhan Programm, einen der Sponsoren der Konferenz. Nachdem er sich erstmal mit dem Publikum identifizierte ("I am one of you"), mit der merkwürdigen Begründung, dass er einen Kurs "Die Schönheit der Physik (keine Mathe-Kentnisse erforderlich)" unterrichte, stellte er Marschall McLuhan und seine Gedanken vor. Weitergehende Erkenntnisse waren aus dem Vortrag nicht zu gewinnen, außer dem Verdacht, dass er gar nicht richtig wusste, wen oder was er da sponsort. Die Teilnehmer nahmen es gelassen und dankten mit höflichem Applaus. Immerhin stellte die Universität der Konferenz nicht nur ein paar Räume für die Vorträge ab, sondern sorgte auch für ein eingespieltes technisches Team, dass Tonaufzeichnungen aller Vorträge produzierte.

Gloggen mit Cyborg Steve

Das eigentliche Programm begann mit der Keynote des "bedeutendsten Cyborgs" Steve Mann, der wie kein anderer sowohl die technischen wie die künstlerischen Aspekte der Konferenz in sich vereinte. Steve Mann, ein Professor and der Universität von Toronto, experimentiert seit vielen Jahren mit verschiedenen Implantaten und tragbaren Computern. Sein momentanes Projekt ist die sogenannte "mediated reality". Im Gegensatz zur reinen "augmented reality" soll damit betont werden, dass die Realität nicht nur ergänzt, sondern transformiert wird. Dazu benutzt Mann ein ausgeklügeltes System: Eine Kamera folgt seinem Blick, und gibt die Bilder in Echtzeit an einen Computer weiter. Der Computer verändert den Videostrom je nach Aufgabe und gibt ihn über ein Head-Mounted-Display an den Benutzer weiter. Dadurch empfängt die Retina ein komplett vom Computer verarbeitetes Bild. Gezeigt wurden eine Demonstration, wo etwa die Kontraste des Bildes verstärkt wurden. Ebenso konnte etwa nervige Plakatwerbung durch Informationen der Navigationssoftware oder (als kleine Spielerei) durch eine X11-Shell ersetzt werden.

Wie das aussieht, konnten die Zuhörer live verfolgen: während des ganzen Abends war ein Echtzeit-Video auf der Leinwand zu sehen, dass die Welt aus der Perspektive Steve Manns zeigte. Dazu wurde das Signal seiner Headcam auf einen Beamer durchgeschleift und auf die Leinwand projeziert. So konnte man sehen, wie Mann während der Grußrede Logans etwas gelangweilt auf seinem Zeichenblock malte, und nachher, wie er seinen Laptop während des Vortrags bediente. Während dieses Echtzeit-Video am Anfang befremdlich wirkte, konnte man ihm nach und nach mehr Nutzen abzugewinnen. Es war viel plastischer, direkt die Intentionen Steve Manns zu erschließen, indem man sie durch seine Augen sah, als ihn nur von außen und aus beträchtlicher Entfernung zu beobachten.Als das Echtzeit-Video kurzzeitig für eine andere Präsentation ausgeschaltet wurde, vermisste man schon dessen zusätzliche Information. Wenn es nach Steve Mann geht, werden bald viele Menschen einen Live-Stream ihrer Headcam online stellen. Statt nur als Blogger im Weblog persönliche Texte zu veröffentlichen, würden diese Menschen zu sogenannten Cyborgloggern oder kurz "Gloggern", die den ganzen Videostrom ihres Leben aus ihrer ganz persönlichen Perspektive verfügbar machen.

Ein zweiter Teil des Vortrags befasste sich mit den künstlerischen und subversiven Elementen von Steve Manns Schaffen. Während die gezeigte Kunst zum Teil etwas zu technisch wirkte und auch sonst nicht außergewöhnlich war, waren seine gesellschaftspolitischen Ideen interessanter. So schlug er vor, der wachsenden allgegenwärtigen Überwachung (Surveillance) durch Videokameras eine demokratische Gegenbewegung (die von ihm benannte "Sousveillance") entgegenzusetzen, in der jeder einzelne eine Videoaufzeichnung seiner Umgebung anfertigt, um sie als Beweismittel parat zu haben. Passend dazu zeigte er Sousveillance-Technologie in Form von Schmuck, wie z.B. die Sousveillance-Necklace, einer Kette mit einer Überwachungskamera als Anhänger.

Interessant für die versammelten Transhumanisten war es sicher, hier einen der ersten echten Transhumanen vor sich zu haben. Denn statt nur über die Möglichkeiten der Technik zu philosophieren, hat Steve Mann sein Leben dazu benutzt, die jeweils neuesten Computertechniken für sich einzusetzen, um sich selbst, seine Wahrnehmung und sein Menschsein zu transformieren. Als solches ist er auch eine interessante Fallstudie für die soziale Ausgrenzung, die einem veränderten Menschen begegnet, der mit ein paar Kilo Hardware am Körper und einem Head-Mounted-Display zum Kiosk läuft oder zur Arbeit fährt. Mann erzählte von alltäglichem Misstrauen und Verachtung, und sogar von tätlichen Übgriffen. Doch trotz dieser gesellschaftlichen Ausgrenzung ist Mann seinem Drang zur Veränderung treu geblieben, und hat das Publikum als ein erstaunlich offener, humorvoller und engagierter Mensch überrascht.

Am Rande zu erwähnen bleibt noch der unerfreuliche Trend, dauernd Reklame für sich selbst und seine Bücher zu machen. Wie einige andere Redner antwortete Steve Mann auf fast jede Publikumsfrage mit "Auch nachzulesen in meinem neuen Buch", ehe er sich der eigentlichen Frage widmete.

Aubrey de Grey ist Transhumanist des Jahres

Der Samstagmorgen begann mit einer zweiten Eröffnung, diesmal von James Hughes, dem Generalsekretär der WTA. Besonders stolz war James auf die Einrichtung eines zweiten Preises der WTA. Neben dem J.B.S. Haldane Award, der für den besten transhumanistischen Aufsatz eines Studenten vergeben wird, wurde auch der H.G. Wells Award geschaffen, für einen "herausragenden Beitrag zum Transhumanismus". Ein pikantes Detail am Rande ist, dass damit beide offiziellen Preise der WTA nach bekennenden Sozialisten benannt sind. Es liegt nicht fern, hier das Wirken von James selbst zu vermuten, der wohl am ehesten dem sozialistischen Flügel der WTA zuzuordnen ist, auch wenn dieser betonte, der Vorschlag, die Ehrung nach H.G. Wells zu benennen, stamme von Yose Cordeiro (der eher zum konservativen Flügel der WTA gehört, und sich mit James schon öffentliche Gefechte über Politik geliefert hat).

Während die Namensgebung der Preise also durchaus kontrovers gewesen sein dürfte, war die Findung des Geehrten leichter. Mit breitem Konsens wurde der erste H.G. Wells Award an Aubrey de Grey für seinen eloquenten und erfolgreichen Einsatz für die Wissenschaft der Lebensverlängerung vergeben. An erster Stelle ist hier der "Methusaleh Mouse" Preis zu nennen, der im letzten Jahr das Profil der Alterungsforschung stark gehoben hat. Der J.B.S. Haldane Award ging dieses Jahr an Kip Werking für den Aufsatz "The Posthuman Condition".

Aubrey de Grey bedankte sich für den Preis, und schritt gleich zur Tat: In seinem Vortrag "The feasibility and desirability of indefinite youth: recent advances from unexpected quarters" zeigte er sich als bekennender Transhumanist, und hielt ein sympathisches Plädoyer gegen das Altern. Der größte Teil des Vortrags entsprach seiner Rede auf der letzten Transvision, die schon im letzten Konferenz-Bericht ausführlich wiedergegeben wurde, und sich mit der Wissenschaft der Lebensverlängerung beschäftigte. Neben diesen wissenschaftlichen Aspekten befasste er sich auch mit den sozialen Implikationen dieser Forschung. Seine These ist, dass die meisten Menschen in einer Art Trance seien, was ihr Einstellung zum Tod betrifft, denn anders seien ihre irrationalen Aussagen zur Lebensverlängerung ("Wäre langes Leben nicht tödlich langweilig", ...) gar nicht zu erklären. Gegen einen Trance lasse sich nicht rational argumentieren. Vielmehr müssten wir der Gesellschaft auf emotionaler Ebene, durch Beispiele, klar machen, dass verlängertes Leben wünschenswert ist, und sie so aus ihrem Trance befreien.

Nach der Keynote begann der Hauptteil der Konferenz mit insgesamt über 40 Vorträgen und Präsentationen. Um diese Fülle überhaupt in zwei Tagen unterzubringen, waren die meisten Vorträge in 2 oder 3 parallele Stränge organisiert. Angesichts dieser großen Zahl der Beitrage beschränkt sich der Artikel im Folgenden auf einige Schlaglichter.

Vom Cult of Technology zum strategischen Partner der Humanisten

Erfreuliches zu berichten gibt es von der Vernetzung des Transhumanismus mit der humanistischen Bewegung. Während letztes Jahr aus diesem Lager eher Zurückhaltung zu vernehmen war, und die Transhumanisten von einigen als "Cult of Technology" angesehen wurden, war dieses Jahr mit Jende Huang ein ranghoher Vertreter der American Humanist Association anwesend, der sich aktiv für weitere Zusammenarbeit einsetzte. In seinem Vortrag "Humanism and the Culture Wars" beschrieb er in reichlich martialischer Sprache den Kampf der amerikanischen Humanisten gegen die religiöse Rechte in den USA, und schoss schwer gegen die Bush-Regierung, die er als verantwortlich für viel religiösen Fanatismus und anti-aufklärerische Einstellungen sah. Dem europäischen Beobachter schien es manchmal so, als würde Huang nicht die momentane Welt, sondern das Mittelalter beschreiben, als er über die Zustände in den USA sprach. Doch auf Nachfrage versicherte er, dass es in den USA unter Bush zu einer umfassenden konservativen Umwälzung gekommen sei, und die amerikanische humanistische Aufklärung schwer tue sich zu behaupten.

Ist exponentieller Fortschritt ein Mythos?

Ein Höhepunkt des Nachmittags war der Vortrag von Phil Goetz mit dem provokanten Titel "The Myth of Accelerating Change". Goetz versuchte zu zeigen, dass wir keineswegs in einem besonders revolutionären Zeitalter leben, sondern dass -- zumindest für die letzten 200 Jahre -- Menschen einem ähnlichen Tempo von technologischer Veränderung ausgesetzt waren wie heute. Dazu zeigte er exemplarisch Folien mit großen technischen Umwälzungen für die Zeiträume 1970-2000, 1940-1970, 1910-1940 und 1880-1910. Tatsächlich zählte er für jeden dieser 30-Jahres-Zeiträume etwa gleich viele "bedeutende technische Erfindungen" auf. So wurde zwischen 1940 und 1970 der erste Satellit ins All gebracht, zwischen 1910 und 1940 entstand das Fernsehen, und das Flugzeug wurde zwischen 1880 und 1910 erfunden.

Goetz' Vortrag zeigte, dass die jetzige Zeit keineswegs so einzigartig oder umwälzend ist, wie viele Transhumanisten behaupten. Es wäre vermessen anzunehmen, dass sich das Leben von Arbeitern in Deutschland heutzutage so radikal und schnell verändert, wie es etwa für Arbeiter während der industriellen Revolution in England der Fall war. Der Vortrag regte zum Nachdenken an, und überzeugte als gelungene Warnung, historische Zusammenhänge im Auge zu behalten. Er zeigte auch, dass quantitatives exponentielles Wachstum allein nicht zu entsprechenden Qualitätssprüngen führen muss. Ein Beispiel: Seit Jahrzehnten wächst die Anzahl der Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften steil exponentiell, ohne dass dies mit einer entsprechenden qualitativen Zunahme an bedeutenden Erfindungen einhergeht. Gerade für die Anhänger der nahenden Singularität war der Vortrag ein Dämpfer, sich und den Fortschritt der Menschheit nicht zu überschätzen.

Goetz stellte noch eine weitere sehr interessante These. Er widersprach der oft gehörten Meinung, dass Not den Erfindergeist weckt und die Technik gerade in Kriegszeiten durch konzertierte militärische Forschung besonders große Fortschritte macht. Goetz konnte dagegen statistisch gestützt zeigen, dass die beiden Weltkriege den Fortschritt und das Tempo an bedeutenden Erfindungen für viele Jahre verlangsamt haben, und erst etliche Jahre nach Kriegsende das frühere Niveau wieder erreicht wurde.

Erst zoffen, dann mauern - Neuigkeiten vom Board

Später am Nachmittag fand das WTA Board Meeting statt, zu dem alle zahlenden (und damit stimmberechtigten) Miglieder der WTA eingeladen waren. Dort gab es einen kurzen Rechenschaftsbericht über das letzte Jahr. Danach wurden die momentanen Pläne der WTA vorgestellt. An erster Stelle steht, verstärkt Mitglieder zu werben. Angesichts dessen, dass die WTA trotz ihrer internationalen Bedeutung nur 120 zahlende Mitglieder hat, ist es dafür auch höchste Zeit. Kein Wunder, dass gegenüber der Presse immer nur die mehreren Tausend (nicht-zahlenden) Basic Members genannt werden, deren Einsatz sich aber bis jetzt in den meisten Fällen auf das Ausfüllen des Beitrittsformulars beschränkt. Weiterhin sollen auch Sponsoren und Philanthropen gesucht werden, die bereit sind, die WTA zu unterstützen. Hier hat sich die WTA ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Mehrere Hunderttausend Dollar sollen es in den nächsten Jahren werden, die es der WTA erlauben sollen, eigene Büroräume zu beziehen und Mitarbeiter einzustellen.

Einige kritische Fragen gab es zu dem Fiasko im Frühjahr 2004, als im Vorsitz der WTA Konflikte hervorbrachen, die die Organisation fast handlungsunfähig machten, und die inmitten bittereren öffentlichen Gezanks schließlich mit dem Rücktritt zweier Vorstandmitglieder endeten. Die anwesenden Vorstandsmitglieder gaben sich zu diesen Fragen alle sehr bedeckt: Es hieß nur, dass der Konflikt jetzt beigelegt sei, es sich nicht lohne, in alten Wunden zu bohren, und dass das neue Board ganz ausgezeichnet zusammen arbeite.

Weniger zurückhaltend war Keith Henson. Henson ist eines der lebenden Urgesteine des Transhumanismus. Er hat 1975 die L5 Society mitbegründet, trat in den 80er Jahren Alcor und den Extropians bei, und ist jetzt ebenfalls Miglied der WTA. Er sagte, dass solche Konflikte leider unvermeidlich seien. Gerade in Organisationen wie der WTA, die sich als wichtig für die globale Entwicklung sehen, würden sich viele Individuen finden, die übertrieben ideologisch, dickschädelig und wenig kompromissbereit seien. Aus diesem Grund seien größere Verwürfnisse nur eine Frage der Zeit. Es sei nicht möglich, solche Konflikte grundsätzlich zu umgehen. Wichtiger sei es, zu lernen wie man mit solchen Vorfällen umgeht. Er habe die Erfahrung gemacht, dass es bei größeren Konflikten äußerst wichtig sei, sich haarklein auf die Regeln und die Vereinssatzung zu berufen, denn wenn der gute Wille zwischen den Parteien aufgebraucht sei, müssten Konflikte formal gelöst werden.

Tatsächlich war es in der WTA auch ähnlich abgelaufen: Der Konflikt im Vorstand wurde im Endeffekt durch formale Abstimmungen entschieden. Es ist nur zu hoffen, dass beim (nach Henson unvermeidlichen) nächsten Mal die Parteien umsichtig und bescheiden genug sind, den Konflikt nicht so breit in der Öffentlichkeit auszutragen.

Am Rande der Konferenz war auch etwas zum aktuellen Status der nigerianischen Transhumanisten zu erfahren. Ursprünglich hieß es, dass fünf Mitglieder dieses umstrittenen Vereins zur Konferenz kommen wollten. Diese hatten sich auch tatsächlich angemeldet. Auch angemeldte hatten sich eine großen Menge weiterer Teilnehmer aus etlichen anderen afrikanischen Staaten, von denen man noch kein Transhumanist je etwas gehört hatte. Irgendwann roch der WTA das alles zu komisch, und auf einen Hinweis hin, dass es sich hier wahrscheinlich um das Werk von Schlepperbanden handelte, die auf diese Weise Menschen nach Kanada einschleusten, zog die WTA die Notbremse und stornierte kurzerhand alle Buchungen aus Afrika. So gab es leider keine Möglichkeit, die nigerianischen Transhumanisten mal persönlich kennen zu lernen, und es bleibt nach wie vor spannend um die "Nigeria Connection".

Stelarc füllt den Saal

Der Samstag endete mit einer Präsentation des australischen Performance-Künstlers Stelarc, der verschiedene seiner Projekte als Videoaufzeichnungen vorstellte. Während es villeicht übertrieben wäre, Stelarc selbst als Transhumanisten zu bezeichnen, behandelt seine Kunst zumindest zum Teil transhumanistische Themen. Für das "Third Hand" Projekt etwa steuert Stelarc, der aus Prinzip seine meisten Darbietungen im splitternackten Zustand gibt, einen Roboterarm über seine Bauchmuskeln. Während hier natürlich die Spielerei im Vordergrund steht, war es dennoch beieindruckend, wie er das Wort "EVOLUTION" mit drei Händen (für je drei Buchstaben) gleichzeitig schrieb. Als Antithese zur dritten Hand stand ein anderes Projekt, bei dem Stelarc seinen linken Arm von einem Computer durch direkte Stromreizung der Armmuskeln fernsteuren ließ, und sich damit der Maschine unterordnete. Für seine gekonnten und interessanten Präsentationen gab es viel Applaus. Stelarc selbst war sehr sympathisch und zugänglich, und dürfte mit seinem Werk so manchen Transhumanisten vom Sinn tranhumanistischer Kunst überzeugt haben, der mit Natasha Vita-Mores Projekten nicht so viel anfangen kann.

Den Auftakt des Sonntags bildete ein Vortrag von Max More zum Thema "Hyperagency vs. Humility". More bezeichnet sich selbst als "strategic philosopher", und setzt sich nicht nur durch diesen Titel, sondern auch durch sein im Fitness-Studio stromlinienförmig optimiertes Äußeres von dem Stereotyp des Philosophen im Stile Kants ab. Das machte sich auch in seinem Vortragsstil bemerkbar, der durch Dynamik und rhetorische Fähigkeiten glänzte. Seine Hauptthese war zwar keinesweges neu, aber überzeugend vorgetragen: Es argumentierte, dass der Transhumanismus deswegen so viele Feinde hat, weil er radikal an den Kern des menschlichen Wesens geht. Aus diesem Grund, so More, sollten Transhumanisten sich in der öffentlichen Debatte gar nicht so viel mit technischen Details aufhalten, sondern stattdessen emotional vermitteln, dass Freiheit nicht beängistend sei. Es gelte, überzeugende Fabeln und Geschichten von der Zukunft zu entwerfen, und nicht nur mit abstrakten wissenschaftlichen Begriffen um sich zu werden. Der Vortrag endete mit einer Aufforderung an jeden einzelnen, sich immer wieder zu fragen, was einem nicht gefällt, worauf man verzichten und wie man sich verbessern könne. Diese "Hyperagency" sei das beste Mittel gegen Stagnation.

Wie übrigens bei fast die Hälfte der Redner bestand ein Gutteil von Mores Vortrag darauf, auf der Bush-Regierung, den christlichen Fundamentalisten und insbesondere immer wieder auf Leon Kass, den wissenschaftlichen Berater von Bush, zu schimpfen. Der Gedanke der Vortragenden war wohl, dass der Appell gegen gemeinsame Feinde zusammenschweißt, und tatsächlich gab es bei den Amerikanern immer wieder Applaus. Für die kanadischen und nicht-amerikanischen Gäste dagegen wirkte so viel rhetorische Beschimpfung eher befremdlich.

"Herr Doktor, ein Mitochondrien-Update bitte"

Während des Vormittags gab es einige Vorträge zu Lebensverlängerung und Altern. Am interessantesten war der Vortrag "Mitochondrial Transfection" von Rafal Smigrodzki, dessen Firma Gencia an einem Verfahren arbeitet, menschliche Mitochondrien zu erneuern. Mitochondrien sind ein Teil der menschlichen Zellen, der aus endosymbiontischen Bakterien hervorgegangen ist. Aus diesem Grunde stellen sie eine Art Altlast dar, die nur zum Teil die fortgeschrittenen schützenden Mechanismen hat, die im Rest der Zelle DNA-Schäden begrenzen. Diese Überlegung und einige wissenschaftliche Untersuchungen haben dazu gefüht, dass einige Altersforscher sie für die schwache Kette in der menschlichen Zelle halten, die zu einem großen Teil für die abnehmende Leistungsfähigkeit im Alter verantwortlich ist. Wenn dies stimmt, müsste es möglich sein, durch den Austausch der alten Mitochondrien gegen frische Exemplare menschliche Zellen zu verjüngen.

Die Methode soll laut Smigrodzki zuerst für einige seltene Krankheiten eingeführt werden, bei denen starke Schädigung der Mitochondrien wissenschaftlich nachgewiesen ist. Smigrodzki hofft aber, dass die Methode, sobald sie in den USA zugelassen ist, dann auch gegen das Altern eingesetzt werden kann (ein sogenannter "off-label use"). Er selbst würde viel lieber direkt mit diesem Ziel forschen, aber um in den USA ein Medikament einzuführen, müsse man sich immer auf eine konkrete Krankheit beziehen, und Altern sei leider noch nicht als Krankheit anerkannt.

Leider war Smigrodzki, was die Details des Verfahrens anging, sehr verschwiegen und verwies auf Forschungsgeheimnisse seiner Firma. Aubrey de Grey, der im Publikum saß, und die Theorie der Mitochondrien-Alterung selbst mitentwickelt hatte, war natürlich hoch interessiert, konnte aber auch keine genaueren Antworten bekommen. Am Rande sei erwähnt, dass Smigrodzki sogar dicht hielt, nachdem beide schon einige Gläser Bier intus hatten, und de Grey ihn in der Kneipe immer noch weiter löchterte. Wir werden also auf die offizielle Vorstellung des Verfahrens in hoffentlich baldiger Zukunft warten müssen. Aber vielleicht wird man in 10 oder 15 Jahren tatsächlich zum Doktor gehen können, um ihn zu bitten, wie es Smigrodzki anschaulich formulierte: "Herr Doktor, ich hätte auch gerne noch ein Mitochondrien-Update".

Die Transvision schloss am Sonntag Nachmittag mit einer Präsentation von Nick Bostrom, einem der Gründer der WTA. Auch er thematisierte die Problematik des Transhumanismus, in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Er schlug vor, den Gegnern des Transhumanismus besser zuzuhören: Statt nur die eigenen Visionen zu proklamieren, sollten Transhumanisten sich ernsthaft mit den Argumenten gegen den Transhumanismus auseinandersetzen. Denn während manche tatsächlich irrational seien (z.B. "Wer möchte schon 150 Jahre alt werden?"), gäbe es auch viele ernstzunehmende Probleme.

Ein Argument gegen den Transhumanismus ist etwa, dass es nicht sinnvoll sei, menschliche Attribute zu verbessern, weil dann nachher alle relativ gesehen gleich gut da ständen. Bostrom führte an, dass dies ein legitimes Argument ist: Wenn etwa Athleten durch genetische Verbesserung die 100m in 5 statt in 10 Sekunden laufen könnten, gäbe es trotzdem noch genau einen Sieger: Der Wettbewerb hätte sich nur verschoben, der Fortschritt sei ein Nullsummenspiel. Während dies für einige transhumanistische Veränderungen zutreffen mag, sei es wichtig herauszustellen, dass Fortschritt nicht immer auf ein Nullsummenspiel hinauslaufe. Ganz im Gegenteil würde ein großer Teil des Fortschritts immanten Vorteil haben: Wenn wir durch genetischen Fortschritt zum Beispiel ein robusteres Immunsystem bekommen, sind wir weniger anfällig für Krankheiten. Das ist kein Nullsummenspiel, sondern bringt jedem Einzelnen einen echten Vorteil an gewonnener Lebensqualität, ohne dass deswegen andere verlieren.

Transvision 2005 in Venezuela

Für die Transivision 2005 im nächsten Jahr gibt es eine echte Neuerung: Sie findet in Caracas, der Hauptstadt von Venezuela statt, und ist damit die erste transhumanistische Konferenz, die in der dritten Welt stattfindet. Damit soll auch ein Zeichen dafür gesetzt werden, dass der technische Fortschritt allen zu Gute kommen soll und gerade den Armen die Chance auf ein besseres Leben bietet. Diese Entscheidung wurde auf das Drängen des umtriebigen José Cordeiro getroffen, der im Vorsitz der WTA ist. Cordeiro kommt selbst aus Venezuela, und hat unglaublich viel für den Transhumanismus in Südamerika getan. Unter anderem ist er eigenhändig für die Gründung mehrerer transhumanistischer Landesverbände in Südamerika verantwortlich. Es dürfte auf jeden Fall interessant sein, wie das Thema Transhumanismus in einem Entwicklungsland aufgefasst wird, und welche Perspektiven sich hier für den Transhumanismus bieten.

Alle Vorträge der Transvision wurden auf Tonband aufgezeichnet, und sollen demnächst online verfügbar sein. Hier finden sich schon jetzt die Audio-Aufzeichungen des eintägigen "Faith, Transhumanism and Hope Symposium", das der Transvision vorausging, und dass sich mit dem Wechselspiel zwischen Transhumanismus und Religion beschäftigte.

 

Torsten Nahm, 2004-12-01