17.08. – 19.08. 2006, Universität Helsinki
“This year the theme of the conference will be Emerging Technologies of Human enhancement. We'll be looking at recent and ongoing technological developments and discussing associated ethical and philosophical questions.”
Das Thema der “TransVision 2006” lautete “Neue Technologien zur Erweiterung menschlicher Fähigkeiten”. Es ging um die Analyse derzeitiger und erwarteter technischer Entwicklungen und dessen Einfluss auf ethische und philosophische Fragestellungen.

Dr. Nick Bostrom (Oxford University, Philosophie)
Neben Versuchen zur Verbesserung menschlicher Leistungsfähigkeit durch konventionelle Methoden wie Bildung, Training, Medikamente etc. rückt v.a. in Anbetracht der Entwicklungen in der Bio-/ Gentechnik zusehends auch die Möglichkeit in den Bereich des realistisch Denkbaren, genetische Modifikationen zur Verbesserung menschlicher Fähigkeiten (bspw. Immunstärkung, Allergieresistenz, Verbesserung physischer / kognitiver Kapazitäten) in Betracht zu ziehen. Da es sich beim menschlichen Organismus um ein recht komplexes System handelt, muss bedacht werden, dass neben unbekannten komplexitätsgebundenen Nebeneffekten (wobei der Begriff neutral verwendet wird), Verbesserungen in einem Bereich zu Verschlechterungen in anderen Bereichen führen können: „Trade Offs“ (bspw. verbraucht mehr Muskel- / Gehirnmasse auch mehr Energie).
Zudem stellt sich in diesem Zusammenhang oftmals die Frage, weshalb die „Verbesserung“ nicht „natürlich“ evolutionsbedingt bereits entstanden ist. Dies hat u.a. damit zutun, dass die evolutionäre Entwicklung derweilen in lokalen (und nicht globalen) Maxima festsitzt. So wäre es aufgrund veränderter Nahrungsgewohnheiten durchaus sinnvoll, wenn Menschen keinen Appedix mehr hätten. Damit dies geschieht, müsste dieser aber immer kleiner werden. Ab einer bestimmten niedrigen Größe würde dies aber wiederum die Gefahr für Infektionen erhöhen, weshalb der Appendix (in der natürlichen Umwelt) eine bestimmte Größe (lokales Maximum) nicht unterschreitet. Darüber hinaus existieren in den meisten Ländern effektive Systeme zur Behandlung von Kranken / Krankheiten, so dass praktisch die Kultur/Technik die Effekte der evolutionären Selektion (im Sinne von Überlebenswahrscheinlichkeiten) überlagert (auch natürlich suboptimal ausgestattete Individuen haben aufgrund von (medizin)technischen Erfindungen hohe Überlebenschancen).
Prof. Timo Airaksinen (Universität Helsinki, Philosophie)
Bereits im 17. Jahrhundert kam die Idee (in westlichen Kulturen) auf, dass der Mensch eine - wenn auch sehr komplexe - Maschine sei (vgl. bspw. Julien Offray de La Mettrie). In der Robotikforschung wurde dieses Thema wiederum aufgegriffen, indem nun versucht wird, menschenähnliche Maschinen zu bauen. Um eine wirkliche Nachbildung (Emulation) des Menschen (hypothetisch) in einem Roboter zu implementieren bedarf es auch einer Emulation (und nicht nur Simulation) von Emotionen. Dies erfordert bspw. auch Sensorsysteme und einen Körper, wobei die Frage noch nicht eindeutig geklärt ist, ob ebenfalls lediglich eine Simulation („Softwaredarstellung“) des Körper- /und Sensorsystems hierzu
ausreichend ist (Embodiment vs. „body emulation“).
Dr. Riccardo Campa
Inhaltszusammenfassung:
In einige Bereichen, bspw. der humanembryonalen Stammzellforschung ist es in der EU schwierig, frei forschen zu können. Ursache hierfür sind die (meist religiös motivierten) (bio)konservativen Ansichten einiger Parteien bestimmter Länder, welche einen generellen „drag“ in Richtung Restriktionen verursachen. Einige Forschungsbereiche wie Bio-/ Gentechnik, aber auch Nanotechnik und teilweise KI/Robotik werden unter dem Aspekt „Eingriff in die Natur“ gesehen, einem tendenziellen Tabuthema in EU-Staaten.
Prof. Bruce Lloyd
In der heutigen Zeit wird viel Wert auf die Punkte „knowledge management“ und Lernen gelegt, ebenso wie auf technischen Fortschritt. Wichtig ist hierbei aber auch ein Aspekt, der sich „Weisheit“ nennt. Daten sind nicht Information, Information ist nicht Wissen und Wissen ist nicht Weisheit, obwohl alle miteinander verbunden sind, wenngleich nicht strikt linear. „Wissen ist Information in Aktion“. Weisheit ist der Prozess, in dem (ethische) Werte in die Entscheidungsfindung eingebunden werden. Eine Kosten-/Nutzen Kalkulation ist hier nur möglich, wenn (ethische) Werte ebenfalls quantifizierbar wären, ein problematischer Aspekt, der in heutigen „westlichen“ Gesellschaften zunehmend an Bedeutung gewinnt. Da dies nicht immer möglich ist, sind Diskurse von großer Bedeutung, um Weisheit zu generieren, welche unsere Handlungen leiten sollte. „Weisheit ist die Integration von Wissen und Werten“ und sollte die Basis darstellen, die den Rahmen vorgibt wie Wissen gehandhabt werden sollte.
Dr. Aubrey de Grey
Gesundheit im Alter und die Steigerung der Lebenserwartung sind miteinander verbunden, da eine Verbesserung des Gesundheitszustands (bspw. durch bessere Medizin) meist auch eine Steigerung der Lebenserwartung mit sich bringt (der umgekehrte Fall: „längeres Leben führt zu besserer Gesundheit“ ist nicht zwangsläufig zutreffend). Der gängige Weg, Gesundheiti m Alter (mit dem Nebeneffekt steigender Lebenserwartung) zu erzielen ist die Bekämpfung der Alterssymptome / Krankheiten. Ein anderer Weg wäre, die Ursachen des Alterns zu revidieren, was aber aufgrund der Komplexität des menschlichen Organismus schwer ist, zuverlässig durchzuführen. Ein dritter Weg läge darin, die Strukturen des gesunden und des durch Alterung „kranken“ Organismus zu betrachten und die „Differenzen“ zwischen beiden zu beheben (ähnlich, wie ein Computer Rechtschreibfehler durch den Vergleich richtiger und falscher „bits“ erkennen kann, ohne die Sprache verstehen zu müssen). Auch wenn dies nur Stückweise geschehen kann, ist (im mathematischen Modell) zu erwarten, dass sich durch wiederholte Anwendung der Revidierung altersbedingter „Verfallsprozesse“ im Zusammenspiel mit zunehmendem wissenschaftlichem und technischem Fortschritt das „biologische Alter“ (im Gegensatz zum „Kalenderalter“) bei ca. 30 Jahren stabilisieren könnte.

Programm 18.08.2006
Dr. William Bainbridge (Sozialwissenschaften)
Thema: Konvergenz der Nano,- Bio,- Informationstechnologien und der Kognitionsforschung
(NBIC)
Inhaltszusammenfassung:
Weitreichende Veränderungen durch fortschreitende technische Entwicklungen sind keine
Option, sondern eine Notwendigkeit (basierend auf vom Moore’schen „Gesetz“ abgeleiteten
Prognosen), v.a. in Anbetracht der Entwicklungen im NBIC-Bereich, wobei hier sehr viele gesellschaftliche und fundamentale Konzepte (Geburt, Tod, Familienstruktur, Gender etc.)
betroffen sind.
Bainbrige spricht hier v.a. von statistischen Untersuchungen die eine positive Korrelation
zwischen dem Ausbau sozialer Sicherungssysteme/Wohlfahrt und Religiosität mit der
Bevölkerungswachstumsrate. In Länden mit stark ausgeprägter Religiosität (und mit
schlechteren sozialen Sicherungssystemen, wobei dies nicht zwangsläufig mit dem Faktor
„Religiosität“ korreliert) ist die Geburtenrate erheblich höher als in Ländern mit einem
geringen Grad an „religiöse Ausprägung“.
http://mysite.verizon.net/wsbainbridge/data/wsbcv.htm
Prof. Hannu Kari (Informatik)
Thema: Sicherheit in der Informationsgesellschaft
Inhaltszusammenfassung:
Die „Computer-/ Informationsgesellschaft“ hat Vor- und Nachteile. Während zu den
Vorteilen der Gewinn an Freiheit, Informationszugang und die Dezentralisierung (das Internet
kann nicht von einem kontrolliert und abgeschaltet werden), sind v.a. Sicherheitsaspekte und
die Frage nach Glaubwürdigkeit der Informationen die Schattenseiten der „vernetzten
Informationsgesellschaft“. Auch gibt es Zensur im Internet: vgl. die ersten Bilder bei der
Suche für „tiananmen square“ auf Google.com (USA) und google.cn (China). (Anm. Miriam
JS Leis: bei der Eingabe von „tianamen square“ erhält man jedoch bei google.cn auch die
Bilder der Panzer an erster Stelle; genau dieselben wie bei der gleichen Eingabe bei
google.com). Wenn falsche Information existent ist, kann dies weitreichende Auswirkungen
auf Entscheidungsprozesse haben, da (Roh)daten meist die Basis für Hypothesen, Modelle,
Entscheidungen ausmachen. Somit rücken Probleme der Datensicherheit, des Vertrauens, aber
v.a. des Schutzes der Privatsphäre in den Vordergrund. „Networks offer us data with the price
of privacy“.
Dr. Daniela Medvedev
Thema / Inhaltszusammenfassung:
Vorstellung von Datenbanken wie www.brainboost.com („Answer Engine“), der
Entwicklung von universellen visuellen Sprachen, „Imagination Engineering“, TRIZ
(http://www.triz-online.de/) sowie möglichen zukünftigen Entwicklungen in den Bereichen
Informationsgewinnung, Human Augmentation Systems und KI (bspw. die Symbiose von
künstlicher und menschlicher Intelligenz).
David Wood (Symbian)
Thema: Zukunft des Mobiltelefons
Inhaltszusammenfassung:
Das Mobiltelefon kann als Beispiel für diverse Entwicklungen dienen:
- Verbreitungsgeschwindigkeit (das Mobiltelefon hat eine höhere
Verbreitungsgeschwindigkeit in sog. „3. Welt-Ländern“ als dies zuvor mit Autos,
Fernsehgeräten und Computern der Fall war
- Das Mobiltelefon ist Prototyp für Multifunktionalität („man kann damit auch
telefonieren“)
- Multidimensionaler Ansatz (Technik/ IT & Lifestyle (Musik, Kamera etc.))
- Mobile Devices werden zusehends zu einer Art „zweitem Gehirn“
- Wenn kosten für Herstellung einer Technologie sinken, steigt (meist) das
Verkaufsvolumen
Zunächst waren die Mobiltelefone „voice centric“, danach „feature centric“ und jetzt gibt es
sog. „smart phones“. Technische Entwicklungen scheitern oftmals auf dem Markt daran, dass
die große Masse der Konsumenten nicht bereit ist, unausgereifte und nicht „ready to use“ /
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benutzerunfreundliche Technik zu nutzen. Dies ist ein Punkt, der zuweilen bei Herstellern
(Ingenieuren) nicht hinreichend gesehen wird.
Die Zukunft liegt in mobilen Geräten zur Unterstützung / Erhöhung menschlicher
Fähigkeiten, insbesondere im Zusammenhang mit kleinen mobilen Geräten, welche einen
Zugang zum Internet und zu Daten(banken) ermöglichen. In Korea bspw. ist es bereits bei
einigen Quizshows erlaubt, die Antworten im Internet zu suchen (ein guter Weg, um die
Menschen zu schulen, sinnvolle und zuverlässige Daten im Netz von verzerrten und falschen
unterscheiden zu lernen.)
Mr. Giulio Prisco
Thema: Neue soziale Welten im Cyberspace
Inhaltszusammenfassung:
Im Internet / „Cyberspace“ entstehen „Parallelgesellschaften“, mit virtueller Umgebung und
oftmals „realen“ Inhalten. Bspw. finden sich verstreute Mitglieder seltener Interessegruppen
im Internet zusammen und kommunizieren, planen und kooperieren unabhängig von ihrer
geographischen Entfernung und bilden Communities, welche Ähnlichkeiten mit der „realen
Welt“ aufweisen (Wirtschaftssysteme, Politik, Freundschaften, Konferenzen…Vorgestellte
Beispiele sind „Second Life“ (www.second-life.com) und „Orion’s Arm
(www.orionsarm.com). Es ist zu erwarten, dass Menschen in Zukunft vermehrt in „virtuellen
Parallelwelten“ agieren (http://prisco.info/giulio/)
Programm 19.08.2006
Videokonferenz: Dr. Ben Goertzel (Novamente LLC)
Thema: KI
Inhaltszusammenfassung:
Recht hypothetisch gehaltener Vorschlag für die Konstruktion zukünftiger KI-Systeme (AGIs
= Artificial General Intelligence) mit einem Modellierungskonzept, welches auf Vernetzung
modular ausgelegter Systeme basiert (vgl. Schwarmintelligenz, Agentensysteme). Von
besonderer Bedeutung ist hier v.a. die Softwareerstellung.
Dr. Harri Vapola (Universität Helsinki / Ingenieurswissenschaften)
Thema: KI / Robotik
Inhaltszusammenfassung:
Vorstellung eines Robotikprojekts der Universität Helsinki, welches mit Konzepten der
Kognitionsforschung und Neuroinformatik arbeitet, um anpassungsfähige und lernfähige
Robotersysteme zu bauen (derzeit in Simulationsphase). In diesem Zusammenhang sind
Aspekte der Neurowissenschaften / Kognitionsforschung von besonderem Interesse, da die
meisten Reaktionen lebender Systeme (Menschen) auf Erwartungswerten basieren, die aus
Erfahrungswissen (und Instinkten) gewonnen werden. Wenn menschliche Probanden bspw.
mehrere Male gebeten wurden, von außen dieselbe Tür zu öffnen und dann plötzlich eine
Person im Inneren des Raums die Tür vorher öffnet, fallen die meisten quasi „mit der Tür i
Haus“, da sich ihre Körperhaltung in Erwartung des Widerstands durch die geschlossene Tür
eingestellt hat. Ebenso haben die virtuellen Roboter bspw. gelernt, nach einigen
„Erfahrungen“ die Balance zu halten, wenn sie durch einen Ball getroffen wurden. Wird nun
in der Simulation die Masse des Balls auf Null reduziert, so kommen die simulierten Roboter
aus dem Gleichgewicht, da sie einen massiven Ball erwartet haben und sich in Antizipation
dieses Ereignisses eingestellt haben. (Anm. MJSL: Ähnlichkeiten zu den
phänomenologischen Überlegungen in meiner Dissertationsschrift).
Dr. Antoli Bogdan (Biophysik)
Thema: Vitrifizierung von Wasser
Inhaltszusammenfassung:
Vitrifizierung („Verglasung“) bezeichnet man den Prozess des „Einfrierens“ (Erstarren bei
extrem niedrigen Temperaturen von ca. –196 °C; flüssiger Stickstoff) von Substanzen ohne
Bildung von (zerstörerischen) Einskristallen. Diese Methode wird (neuerdings) auch dazu
verwendet, Organe für Transplantationszwecke zu konservieren. Bei komplexeren Strukturen/
Organismen ist aber weniger der Prozess der Vitrifizierung selbst problematisch (wibei sog.
Kryopretektiva, welche die Kristallbildung verhindern sollen auch schädliche Eigenschaften
aufweisen) als viel mehr das Auftauen, welches so geschehen muss, dass nicht hierbei
(schädliche) Einskristalle gebildet werden.
(http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,428342,00.html)
Van Nedervelde (Foresight Institute)
Thema: Informationstechnologien, Überwachung und Schutz der Privatsphäre
Inhaltszusammenfassung:
Bereits heutzutage ist eine zunehmende Überwachung der Bürgers festzustellen (bspw.
Überwachungskameras, Abhören von Telefongesprächen, Kontrolle des e-mail Verkehrs,
Ortung durch Handy etc. In Zukunft, bspw. durch leistungsfähigere Computer und evtl.
Nanotechnologie ist es anzunehmen, dass die Überwachung zunimmt. Auch vor dem
Hintergrund, zu verhindern, dass potentiell gefährliche Technologie (bspw. Technologie, die
zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen verwendet werden kann) wäre es denkbar,
dass verschärfte Überwachung der Einzelnen Bürger notwendig ist. Hier stellt sich die
kontroverse Frage, wie viel Privatsphäre für die (vermeintliche) Zunahme der Sicherheit jedes
Einzelnen geopfert werden sollte. Was sollte getan werden, wenn die (illegale) Anwendung
bestimmter potentiell gefährlicher Technologien nur durch einen Überwachungsstaat
verhindert werden könnten? Nedervelde kam zu dem Schluss, dass der zunehmende Verzicht
auf persönliche Freiheit ein notwendiges und zwangsläufiges Opfer sei, um in Zukunft
Sicherheit garantieren zu können, und dass sich die Menschen mit dieser Tatsache abfinden
müssen, eine These, die unter den anwesenden Europäern eine stärkere Kontroverse ausgelöst
hat, als unter den US-Amerikanern.
Dr. James Hughes (Soziologie)
Thema: soziale und biologische / neurologische Faktoren menschlicher Entscheidungen und
Handlungen
Inhaltszusammenfassung:
In der psychiatrischen Behandlung werden i.d.R. Medikamente eingesetzt, welche sich direkt
auf die neurologische Struktur von Menschen auswirken und somit Verhaltensänderungen
hervorrufen. Auch Drogen (Nikotin, Alkohol etc.) haben solche Effekte – und negative
Nebenwirkungen. Ebenso wirken sich nicht medikamentöse Methoden (Erziehung, Training,
Meditation, Entspannungsübungen etc.) auf Verhaltensmuster aus. Somit stellt sich die Frage,
inwieweit nicht schädliche / nebenwirkungslose-/arme Medikamente die zur Veränderung
neurologischer Strukturen führen, auch aus nich-medizinischen Gründen angewendet werden
dürfen. Ein entscheidendes Kriterium ist die Nebenwirkungsarmut, d.h. dass die Subtanz
weder schädlich sein darf, noch durch ihre Einnahme negative Eigenschaften (bspw.
destruktive Aggression) erhöht werden sollten. Wenn hierdurch erreicht werden könnte, dass
bestimmte negative Traits von Menschen vermindert werden könnten (Depression,
übermäßige Aggression etc.), stellt sich die Frage, ob solche Anwendungen gleichwertig zu
klassischen Methoden (bspw. (Um)erziehung) angewendet werden sollten, um positive
Eigenschaften der Menschen zu erhöhen (bspw. Verständnis, Mitgefühl etc.) und negative zu
mindern. Dennoch kann es in diesem Zusammenhang auch zu Problemen kommen, da
bestimmte Eigenschaften wie bspw. Aggression in einigen Kontexten durchaus auch positive
Wirkung haben können.
Dr. Anders Sandberg
Thema: Erweiterung / Unterstützung von menschlichen kognitiven Fähigkeiten durch Technik
Inhaltszusammenfassung.
Internet, Computer, PDAs, Taschenrechner, Navigationshilfen etc. stellen bereits Werkzeuge
dar, welche die kognitiven Fähigkeiten der Menschen stark erhöhen. Immer mehr des
menschlichen Wissens ist gewissermaßen extern gespeichert (bspw. im Internet) aber auch für
prinzipiell universell zugänglich. Ein einfaches Beispiel zur Erhöhung menschlicher
Fähigkeiten sind bspw. Taschenrechner: sie erledigen praktisch sofort komplexe Aufgaben, an
denen Menschen von ca. 100 Jahren noch recht lange gesessen haben. Menschen, die bspw.
im Kopf komplexe Rechnungen erledigen können sind zwar immer noch bewundernswert,
aber mit Hilfe eines Taschenrechners kann praktisch jeder zu einem solchen Genie werden.
Ähnlich verhält es sich mit (Allgemein)wissen (Internet) und Übersetzungsprogrammen. In
Zukunft ist zu erwarten, dass die unterstützenden Computer schneller, leistungs- und
lernfähiger werden und evtl. andere Eingabe-/ Ausgabeformen (Datenbrillen, BCI)
Anwendung finden könnten. Ein Weg in diese Richtung ist bereits in Form des „augmented
reality“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Augmented_Reality) zu beobachten und findet im
Rahmen von Spezialgebieten (Ingenieurswesen, Militär, Medizin) bereits Anwendung.
Mit zunehmendem technischen Fortschritt könnte durchaus erwartet werden, dass neue
Klassen von Konflikten entstehen könnten (bspw. zwischen Personen, welche Technologien
zur Steigerung menschlicher Fähigkeiten verwenden möchten und anderen, die dieses
ablehnen.) Somit ist es von Bedeutung, sich bereits heute mit solchen Fragen auseinander zu
setzten, da in naher Zukunft durchaus mit der Verbreitung (oder dem prinzipielle Wissen
über) solche(r) Technologien zu rechnen ist. Die technikgestützte Erweiterung menschlicher
kognitiver Fähigkeiten hätte durchaus Auswirkungen auf viele gesellschaftliche Bereiche
(bspw. das Schul-/ Ausbildungswesen).
Nick Bostrom (Oxford University; Philosophie)
Thema: Spieltheorie und Risikoaversion
Inhaltszusammenfassung:
Studien in experimenteller Spieltheorie haben gezeigt, dass viele Menschen potentielle
Risiken / Verluste stärker bewerten als potentielle Gewinne. Auch orientieren sich viele
Menschen bei ihrer Entscheidungsfindung oftmals an bestimmten Formulierungen und nicht
an statistischen Berechnungen. In diesem Zusammenhang treten oftmals logische
Argumentations- / und Konsistenzkonflikte auf, wie es Bostrom in folgendem Beispiel
erläutert: angenommen durch eine Trinkwasserkontamination wird bewirkt, dass viele
Menschen einen Teil ihrer kognitiven Fähigkeiten einbüßen (bspw. um 10 IQ-Punkte
„dümmer“ werden). Dies wird allgemein als tragisch betrachtet und man setzt alles daran, die
Kontaminationsursache zu beseitigen. Glücklicherweise wird gleichzeitig ein wenngleich
umstrittenes Medikament entwickelt, welches kognitive Fähigkeiten erhöhen kann.
Umstritten ist das Medikament in dem Zusammenhang, dass sich einige dagegen aussprechen,
dieses nur Verbesserung kognitiver Fähigkeiten einzusetzen. Somit stellt sich die Frage, ob
dieses Medikament bei den kontaminierten Personen einzusetzen, um sie wieder auf ihren
ursprünglichen Intelligenzlevel zu bringen. Dies wird im Allgemeinen als Heilmethode
aufgefasst und würde wohl kaum Kontroversen nach sich ziehen (alle finden ja die Folgen der
Trinkwasserkontamination schlecht). Nun stellt sich heraus, dass die
Trinkwasserkontamination nur einen zeitweiligen Verlust der kognitiven Fähigkeiten
verursacht und die behandelten Menschen nach 3 Monaten alle um ca. 10 IQ-Punkte
intelligenter sind, da sie mit dem Medikament behandelt wurden. Die Menschen, die sich
zuvor gegen den Einsatz des Mittels zur Erhöhung kognitiver Fähigkeiten ausgesprochen
haben, müssten nun aber fordern, dass diese „verbesserten Individuen“ immer kontaminiertes
Wasser trinken müssen, um ihren Zustand dauerhaft um 10 IQ-Punkte zu reduzieren, etwas,
was auch sie zuvor für nicht wünschenswert empfunden haben und somit im Widerspruch zu
vorherigen Aussagen stünde.