Humanismus 2.0

Wie jede revolutionäre gesellschaftliche Bewegung beginnt der Transhumanismus mit einer großen Idee. Die Idee des Transhumanismus ist so alt wie die Menschheit selbst und tief in der menschlichen Natur verwurzelt. Es ist das Streben, über sich selbst hinauszuwachsen, seine Unzulänglichkeiten zu überwinden und eine höhere Stufe des Daseins zu erreichen. Ursprünglich hat dieses Streben nach Transzendenz seinen Ausdruck in der Religion gefunden. In der frühen Geschichte, als noch jede Generation von Menschen der vorherigen glich, und die Lebensweise fest und unveränderbar erschien, mussten Fantasien und Mythen herhalten, um die menschlichen Grenzen zu sprengen. Ob in Sagen eines goldenen Zeitalters, einer Utopie nach dem Tod oder der Verleihung göttlicher Kräfte, der Mensch war außer Stande, sich selbst als Motor der Veränderung zu begreifen.

Erst mit dem Aufkommen des Humanismus in der Aufklärung wurde zum ersten Mal die Idee geprägt, dass der Mensch im Mittelpunkt seiner eigenen Bemühungen stehen soll, dass er sein Leben selbst in die Hand nehmen und durch Bildung nach Selbstverwirklichungen und moralischer Verbesserung streben soll. Aber so sehr der Humanismus die eigene geistige Verbesserung erstrebte, sah er doch den Menschen selbst als unver¨anderbar an. Der Rahmen klassischer Bildung wurde nie verlassen, die Möglichkeiten der Technik finden im Humanismus nur am Rande Eingang.

Die Voraussetzungen für den Transhumanismus wurden erst im 19. Jahrhundert gelegt, durch zwei revolutionäre Ideen, die dieWeltgeschichte verändert haben. Die erste Idee ist die Theorie der Evolution, die von Darwin geprägt wurde. Sie entzog aller religiösen Selbstgefälligkeit den Boden: Der Mensch war nicht mehr Gottes Abbild, unver¨anderlich als Krone der Schöpfung gewählt. Er bildete nurmehr ein vor übergehendes Ergebnis der Evolution, eine unvollkommene Form in einer endlosen Reihe, gerade gut genug, um momentan als Art zu bestehen.

So stand der Mensch am Ende des 19. Jahrhunderts entzaubert dar. Durch die Aufklärung der schützenden Religion beraubt, durch die Evolutionstheorie im Kern seines Selbst erschüttert, blieb er nur auf sich allein gestellt. Im vollen Bewusstsein seiner naturwissenschaftlich bloßgestellten Unzul¨anglichkeiten musste er am Streben nach Selbstverbesserung verzweifeln. Die Mündigkeit, die er durch den Humanismus erhalten hatte, konnte nur als schwacher Trost dienen. Denn gleich, wie viel er sich bemühte, er war unentrinnbar gefesselt im Gefängnis der biologischen Notwendigkeit.

Der Samen, dessen Frucht den Weg zur Befreiung des Menschen aus der äußeren Determination zeigen sollte, wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts gelegt. Durch den beschleunigten Fortschritt wurde erstmals fassbar, wie sich die Lebensumstände des Menschen durch Technik verändern. Der erste, der diese Erkenntnis wissenschaftlich formulierte, war Karl Marx. Obwohl sein Name heutzutage hauptsächlich mit seinen politischen Theorien assoziiert wird, steht er auch in einer
rein wissenschaftlichen Tradition der Philosophie und Gesellschaftswissenschaft. Marx zeigte, dass die Einstellungen, Beschr¨ankungen und Möglichkeiten jeder Gesellschaft durch ihre technische Basis vorgegeben werden und damit durch den Menschen selbst gestaltbar sind.

Doch keine dieser Entwicklungen konnte eine Antwort auf die menschliche Sehnsucht nach Transzendenz liefern. Darwin hatte nur die Beliebigkeit der Biologie aufgezeigt, aber keine Möglichkeit, sie grundlegend zu verbessern oder gar zu überwinden. Marx hatte die grundsätzliche gestalterische Macht der Technik erkannt, die menschliche Biologie aber als unver¨anderlich angesehen. Erst in den
letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gelang die Synthese und Aufhebung dieser beiden Ideen in einer neuen Weltsicht, deren Kern die Befreiung des Menschen aus der biologischen Notwendigkeit ist.

Die Bezeichnung "Transhumanismus" hat sich als Bezeichnung für diese Bewegung durchgesetzt. Sie betont die Verbundenheit mit den Ideen des Humanismus, als dessen moderne Fortsetzung der Transhumanismus sich sieht. Vor allem beschreibt sie den Willen, die menschlichen Grenzen zu überschreiten. Der Transhumansimus propagiert, die Technik zu nutzen um den Menschen selbst zu
verändern und die Evolution in die eigene Hand zu nehmen. Ziel der transhumanistischen Bestrebung ist die Verbesserung des Menschen in den Posthumanen, der nicht mehr den Beschränkungen menschlicher Biologie unterworfen ist. Der Transhumanismus zeigt die Möglichkeiten von Gentechnik, Informationstechnologie und Nanotechnologie auf, um diese Vision naturwissenschaftlich zu realisieren. Damit beschreibt er erstmals einen realisierbaren, eigenverantwortlichen Weg zur menschlichen Transzendenz, anstatt auf eine höhere Macht zu hoffen. In Ahnlehnung an Ludwig Feuerbach können wir sagen, dass der Transhumanismus das Streben nach Transzendenz vom Kopf auf die Füße gestellt hat.

Zusammenfassend erkennen wir, dass der Transhumanismus auf drei Säulen ruht: dem Streben nach Transzendenz, dem humanistischen Weltbild und der Einsicht in die Technik als Mittel der Veränderung des Menschen. Jede einzelne ist für das transhumanistische Weltbild unverzichtbar. Die Nutzung der Technik zur Veränderung des menschlichen Wesens grenzt den Transhumanismus von der Religion und vom klassischen Humanismus ab. Das humanistische Weltbild betont die zentrale Bedeutung des Menschen, ohne die eine technologische Gesellschaft zur Technokratie werden kann. Das Streben nach Transzendenz schließlich stellt den revolutionären Kern des Transhumanismus dar, der die momentane Gesellschaft und die Bedingungen menschlichen Daseins grundsätzlich in Frage stellt. Erst in ihrer Kombination entfalten diese drei Fundamente ihre volle Kraft in einem Weltbild, dessen Ziel nicht weniger ist als die selbstbestimmte Befreiung des Menschen aus den Fesseln der Natur.