Julian Huxley, der Halbbruder des bekannten Autors Aldous Huxley, hat 1957 in seinem Buch "New Bottles for New Wine" (Neue Flaschen für Neuen Wein) den Begriff Transhumanismus im gleichnamigen Kapitel geprägt. Die deutsche Übersetzung und Veröffentlichung dieses Kapitels erfolgte mit freundlicher Genehmigung von PFD, dem Inhaber der Rechte. Den englischen Originaltext finden sie auf den Seiten der WTA.
Rüdiger Koch, 20.12.2004
Als Ergebnis einer tausend Millionen Jahre alten Evolution wird das Universum sich seiner selbst bewusst, und fähig, etwas von seiner Geschichte und seiner möglichen Zukunft zu verstehen. Dieses kosmische Selbst-Bewusstsein wird in einem winzigen Bruchteil des Universums verwirklicht – in ein paar von uns Menschen. Vielleicht wurde es auch anderswo verwirklicht, durch die Evolution von bewussten, lebenden Wesen auf den Planeten anderer Sterne. Aber auf diesem unserem Planeten ist es niemals zuvor geschehen.
Die Evolution auf diesem Planeten ist die Geschichte der Verwirklichung immer neuer Möglichkeiten durch den Stoff, aus dem die Erde (und der Rest des Universums) gemacht ist – Leben; Stärke, Schnelligkeit und Aufmerksamkeit; der Flug der Vögel und die sozialen Gemeinschaften der Bienen und Ameisen; die Entstehung des Geistes, durch den Farben, Schönheit, Kommunikation, mütterlicher Fürsorge und der Beginn von Intelligenz und Erkenntnis geschaffen wurden, lange ehe der Mensch auch nur im Ansatz existierte. Und schliesslich, während der letzten paar Augenblicke der kosmischen Uhr, etwas völlig Neues und Revolutionäres, das menschliche Wesen mit seiner Fähigkeit zum konzeptuellen Denken und zur Sprache, zu selbst-bewusster Aufmerksamkeit und zu vorsätzlichem Handeln, zum Sammeln und Vereinen bewusster Erfahrung. Lasst uns also nicht vergessen, dass die menschliche Spezies so radikal verschieden von jedem der einzelligen Tiere ist, die vor eintausend Millionen Jahren lebten, wie jene es von einem Stück Stein oder Metall sind.
Das neue Verständnis des Universums kam durch das neue Wissen, das in den letzen hundert Jahren zusammengetragen wurde – von Psychologen, Biologen und anderen Wissenschaftlern, von Archäologen, Anthropologen und Historikern. Es hat die Verantwortung und die Bestimmung des Menschen definiert – ein Beauftragter für den Rest der Welt zu sein, um die ihr innewohnenden Möglichkeiten so umfassend wie möglich zur Verwirklichung zu bringen.
Es ist als ob der Mensch plötzlich zum Geschäftsführer des grössten aller Betriebe, dem Betrieb der Evolution, ernannt worden wäre – ernannt ohne gefragt worden zu sein, ob er es will, und ohne angemessene Warnung und Vorbereitung. Mehr noch, er kann die Berufung nicht ablehnen. Ob er es will oder nicht, ob er sich dessen bewusst ist was er tut oder nicht, er bestimmt bereits die künftige Richtung der Evolution auf dieser Erde. Dies ist sein unentrinnbares Schicksal und je eher er es akzeptiert und daran glaubt, um so besser ist es für alle Beteiligten.
Dies ist der Kern der Aufgabe: die grösstmögliche Verwirklichung der Potentiale des Menschen, sei es als Individuum, als Gemeinschaft oder als Art in ihrem aufregendem Marsch durch den Lauf der Zeit. Jeder einzelne von uns Menschen beginnt als ein blosses Körnchen Potential, eine sphärische und mikroskopische Eizelle. Während der neun Monate vor der Geburt entfaltet sie sich automatisch zu einer wahrhaft wunderbaren Vielfalt an Organisation: zusätzlich zur Fortsetzung des automatischen Wachstums und der Entwicklung fängt das Individuum nach der Geburt an, seine geistigen Möglichkeiten zu realisieren - indem es eine Persönlichkeit entwickelt, spezielle Talente hervorbringt, indem es sich Wissen und Fähigkeiten verschiedener Art aneignet, und seinen Teil darin spielt, die Gesellschaft zu erhalten. Dieser auf die Geburt folgende Prozess ist weder automatisch noch vorbestimmt. Er mag in sehr verschiedenen Pfaden verlaufen, je nach den Umständen und den eigenen Anstrengungen des Individuums. Das Endergebnis kann zufriedenstellend oder auch ganz das Gegenteil sein: Insbesondere kann die Persönlichkeit weit davon zurückbleiben, eine Ganzheitlichkeit zu erreichen. Eines ist sicher: eine voll entwickelte, wohlintegrierte Persönlichkeit ist das höchste Produkt der Evolution, die vollständigste Verwirklichung, die wir im Universum kennen.
Das Erste was die menschliche Spezies tun muss, um sich auf ihr kosmisches Amt vorzubereiten, zu dem sie sich ernannt sieht, ist, die menschliche Natur zu erforschen und herauszufinden, was ihre Möglichkeiten sind (selbstverständlich einschliesslich ihrer Beschränkungen, seien sie inhärent oder durch Gegebenheiten der äusseren Natur erzwungen). Wir haben die geographische Erforschung der Erde weitgehend beendet; wir haben die wissenschaftliche Erforschung der der belebten und unbelebten Natur zu dem Punkt vorangetrieben, an dem ihre Umrisse klar wurden; aber die Erforschung der menschlichen Natur und seiner Möglichkeiten hat kaum begonnen. Eine gewaltige neue Welt von unbekannten Möglichkeiten wartet auf ihren Columbus.
Die großen Menschen der Vergangenheit haben uns erahnen lassen, was im Bezug auf Persönlichkeit, auf intellektuelles Verstehen, auf spirituelle Entwicklung und auf künstlerisches Schaffen möglich ist. Aber diese sind kaum mehr als flüchtige pisgahische* Blicke. Wir müssen das ganze Gebiet der menschlichen Möglichkeiten erforschen und kartographieren, so wie das Gebiet der physischen Geographie erforscht und kartographiert wurde. Wie können wir neue Möglichkeiten für das normale Leben schaffen? Was kann getan werden, um die latenten Fähigkeiten der normalen Männer und Frauen für Verstehen und Freude zum Vorschein zu bringen; den Leuten die Techniken zur Erreichung spiritueller Erfahrung zu lehren (schließlich kann man die Techniken des Tanzes oder des Tennisspielens erwerben, warum also nicht diejenigen mystischer Ekstase oder spirituellen Friedens?); die eigenen Talente und Intelligenz im heranwachsenden Kind zu entwickeln, anstatt es zu frustrieren oder zu deformieren. Wir wissen bereits, dass Malen und Denken, Musik und Mathematik, Schauspiel und Wissenschaft zu etwas wirklich Bedeutsamen für ziemlich normale, durchschnittliche Jungen und Mädchen werden können – nur vorausgesetzt, dass die richtigen Methoden angewendet werden, um die Möglichkeiten der Kinder zum Vorschein zu bringen. Wir fangen an einzusehen, dass selbst die vom Schicksal am meisten gesegneten Menschen weit unterhalb ihrer Kapazität leben und dass die meissten Menschen nicht mehr als einen Bruchteil ihrer geistigen und spirituellen Effizienz entwickeln. Tatsächlich ist die menschliche Rasse von einem weiten Feld unrealisierter Möglichkeiten umgeben, das den Forschergeist herausfordert.
Die wissenschaftliche und technische Forschung haben dem gewöhnlichen Menschen auf der ganzen Welt eine Vorstellung der physikalischen Wirklichkeit gegeben. Dank der Wissenschaft beginnen die Unterprivilegierten zu der Überzeugung zu gelangen, dass niemand unterernährt oder chronisch krank sein muss, oder dass ihm die Vorteile technischen und praktischen Anwendungen der Wissenschaft vorenthalten bleiben müssen.
Die Ruhelosigkeit der Welt wird hauptsächlich von dieser neuen Überzeugung verursacht. Nun, da die Wissenschaft ihr Potential zum Verbessern der physischen Gesundheit und des Lebensstandards gezeigt hat, sind die Menschen entschlossen, sich nicht mit zweitklassigen Gegebenheiten abzufinden. Die Unruhe wird einige unangenehme Konsequenzen mit sich bringen, bevor sie sich verflüchtigt; aber in ihrer Essenz ist sie eine gesunde Unruhe, eine dynamische Kraft, die nicht beruhigt sein wird, bevor sie die physiologischen Fundamente der menschlichen Bestimmung gelegt hat.
Sobald wir die Möglichkeiten erforscht haben, die sich dem Bewusstsein und der Persönlichkeit bieten, und das Wissen um sie Allgemeingut geworden ist, wird eine neue Quelle der Unruhe erschienen sein. Die Menschen werden erkennen, dass niemand nach wahrer Befriedigung hungern muss oder zu unterdurchschnittlicher Erfüllung seiner Bedürfnisse verdammt sein muss, wenn nur die richtigen Maßnahmen ergriffen werden. Auch dieser Prozess wird anfangs unangenehm, aber im Endeffekt vorteilhaft sein sein. Es wird damit anfangen, dass Ideen und Institutionen zerstört werden, die der Verwirklichung unserer Möglichkeiten im Wege stehen (oder die sogar verneinen, dass diese Möglichkeiten bestimmt sind, realisiert zu werden), und wird mit dem eigentlichen Schaffung der wahren menschlichen Bestimmung zumindest beginnen.
Bis heute war das menschliche Leben im Allgemeinen "hässlich, brutal und kurz", wie Hobbes beschrieben hat; der großen Mehrheit der Menschen (wenn sie nicht schon jung gestorben sind) haftete das Elend in der ein oder anderen Form an – Armut, Krankheit, schlechte Gesundheit, Überarbeitung, Grausamkeit und Unterdrückung. Die Menschen haben versucht, ihr Elend durch ihre Hoffnungen oder ihre Ideale zu erleichtern. Das Problem war, dass die Hoffnungen zum größten Teil unbegründet waren und die Ideale meistens nicht mit der Realität übereinstimmten.
Die schwungvolle aber wissenschaftliche Erforschung der Möglichkeiten und der Techniken, diese Möglichkeiten zu realisieren, wird unsere Hoffnungen in der rationalen Vernunft verankern und unsere Ideale in die Wirklichkeit führen, indem sie zeigt, wie viele davon tatsächlich realisierbar sind. Mit gutem Recht glauben wir, dass unsere gegenwärtigen Beschränkungen und die elenden Frustrationen unserer Existenz größtenteils überwunden werden könnten. Mit gutem Recht sind wir der Überzeugung, dass menschliches Leben, wie wir es aus der Geschichte kennen, ein in der Ignoranz wurzelndes erbärmliches Notbehelf ist, und dass es durch eine Existenz, die auf Erleuchtung durch Wissen und Verstehen basiert, überwunden werden könnte, so wie unsere wissenschaftliche moderne Kontrolle der physikalischen Natur den ungeschickten Pfusch unserer Ahnen überwindet, der auf Aberglauben und professioneller Geheimnistuerei basierte.
Um dies zu erreichen, müssen wir die Möglichkeiten untersuchen, eine günstige soziale Umgebung zu schaffen, so wie wir es bereits im Wesentlichen mit unserer physikalischen Umgebung getan haben. Wir wollen mit neuen Grundlagen beginnen. Zum Beispiel, dass Schönheit (etwas, das genossen werden und auf das man stolz sein kann) unverzichtbar ist und folglich hässliche oder bedrückende Städte unmoralisch sind; dass die Qualität, nicht die blosse Anzahl der Menschen unser Ziel sein muss und deshalb eine gezielte Politik notwendig ist, um die gegenwärtige Flut des Bevölkerungswachstums daran zu hindern, all unsere Hoffnungen auf eine bessere Welt zunichte zu machen; dass wahre Verständigung und Freude ein Zweck in sich sind, sowie Mittel zur Erholung vom Beruf, und dass wir deshalb die Techniken der Bildung und Selbst-Bildung erforschen und voll verfügbar machen müssen; und dass die ultimative Befriedigung von einer Tiefe und Vollständigkeit des inneren Lebens kommt, weshalb wir die Techniken der spirituellen Entwicklung erforschen und voll verfügbar machen müssen; über allem, dass es zwei komplementäre Teile unserer kosmischen Pflicht gibt – eine uns selbst gegenüber, erfüllt zu sein in der Verwirklichung von und der Freude an unseren Fähigkeiten, die zweite den anderen gegenüber, erfüllt zu sein im Dienst für die Gemeinschaft und in der Förderung des Wohles der kommenden Generationen und dem Fortschritt unserer Spezies insgesamt.
Die menschliche Spezies kann über sich selbst hinauswachsen, wenn sie es möchte – nicht nur sporadisch, ein Individuum auf die eine Art, ein anderes auf eine andere Art und Weise, sondern als Gesamtheit, als Menschheit. Wir brauchen einen Namen für diese neue Überzeugung. Vielleicht kann Transhumanismus dienen: Der Mensch bleibt Mensch, aber er transzendiert sich selbst durch die Verwirklichung neuer Möglichkeiten in und über seine menschliche Natur.
"Ich glaube an den Transhumanismus": Sobald es genug Menschen gibt, die das wahrhaftig sagen können, wird die menschliche Art an der Schwelle einer neuen Art von Existenz stehen, so verschieden von unserer wie die unsere von der des Pekingmenschen ist. Sie wird schliesslich bewusst ihre wahre Bestimmung erfüllen.
* Anmerkung des Übersetzers: Moses stieg am Ende seines Lebens auf den Berg Pisgah um einen ersten und letzen Blick auf das heilige Land zu erhaschen bevor er starb (Deuteronomium 34:1). Ein solcher kurzer Augenblick der Offenbarung ist hier wohl gemeint.