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Selbstbestimmung: Eine transhumane Schlüsseltugend

Betrachten wir zwei Zukunftsalternativen, um der Deutlichkeit willen überzogen gezeichnet:

Szenario 1: Die Aufgabe der Selbstbestimmung.

19.09.1998: Nachdem sieben Menschen durch verunreinigtes Vitamin E ernsthaft erkrankt sind, erklärt die FDA alle Vitamine für verschreibungspflichtig.

04.12.1998: Der Zukunftsrat fordert zur Beendigung des technischen Fortschritts auf. Nach Meinung des Rates sollte die Öffentlichkeit vom Druck ständiger Innovation, übermäßiger Wahlmöglichkeiten und um sich greifender Unsicherheit entlastet werden.

01.06.1999: Bei der Eröffnung der Ausstellung "Anything Goes" im Museum of Modern Art erläutert Sprecherin Gloria Portney, daß die Künstler großen Wert darauf legten, den Gefühlen nachzugeben, und zeigten, daß Selbstdisziplin den freien Geist unterdrückt.

05.11.2000: Mehrere Staaten der USA bringen Initiativen ein, nach denen Unternehmen für alle von ihren Produkten verursachten Schäden verantwortlich gemacht werden sollen, unabhängig davon, ob sie Schuld haben. Die maximalen Schadenssummen werden verdreifacht. Eine Studie des Instituts für Ökonomische Strategie sagt ein Fallen der Aktienkurse um 22% aufgrund leichter zu gewinnender Gerichtsprozesse, einen Verlust von zwei Millionen Arbeitsplätzen und einen bedeutenden Rückgang der Industrieproduktion voraus.

30.12.2000: Der Kongreß verabschiedet neue Gesetze über höhere Steuern für Unternehmensgewinne, die aufgrund neuer Technologien erzielt werden.

04.02.2001: Eine neue Umfrage des Gallup-Instituts zeigt, daß die Mitgliederzahlen fundamentalistischer Kirchen während der letzten 4 Jahre um 31% gestiegen sind. Um 344% stieg in der gleichen Zeit die Zahl der Mitglieder der Gaia-Kirche, welche verbreitet, daß die einzige Funktion des Menschen die eines Verwalters für Mutter Erde sei.

12.04.2001: In Großbritannien beklagt der Erzbischof von Canterbury das rapide Wachstum von Sekten. Er bittet deren Mitglieder inständig, zur Kirche des wahren Heils zurückzukehren.

25.08.2002: Präsident Gore setzt sein Programm zunehmender Zentralisierung der ökonomischen Kontrolle fort.

22.07.2003: An der Spitze der Bestsellerliste der New York Times steht "Was würde mein Guru sagen?"

15.07.2004: Der Nationale Lehrerverband lobt die Stärkung von Schulprogrammen, die Gehorsam und die Einhaltung von Regeln lehren.

14.06.2006: Die Ökonomische Beratungskommission wird mit der Staatsbank zu einer neuen Behörde für Ökonomische Kontrolle verschmolzen, die für zentrale Entscheidungen über Produktion und Verteilung zuständig ist. Ein Sprecher räumt ein, daß zentrale Kontrolle zu weniger Wohlstand führen wird als ein freier Markt, daß dieser Schritt aber dem öffentlichen Wunsch nach Befreiung von Unsicherheit und Veränderung entspricht.

13.03.2007: Ein kürzlich erschienener Bericht über eine rasche Zunahme von Morden, Diebstählen und Überfällen während der letzten Dekade und die generelle Verschlechterung der Sitten provoziert die Forderung nach einer "stärkeren, umfassenderen und wohltätigen Regierung" seitens Vizepräsident Galbraith.

02.10.2008: Auf der heutigen Sitzung der Vereinten Nationen zu "Schuld des Westens und Armut der Dritten Welt" erklärten sich die Regierungen der USA und der Vereinigten Staaten von Europa bereit, im nächsten Jahr 10% ihres Steueraufkommens an afrikanische Regierungen zu überweisen und diese Summe in den folgenden fünf Jahren auf 20% zu erhöhen. "Wir sind für jedermanns Armut verantwortlich", stellte der US-Vertreter Ralph Ehrlich fest.

Szenario 2: Der Triumph der Selbstbestimmung.

15.01.1998: NY Times Bestseller: Dr. Nathaniel Brandens "Verantwortung übernehmen".

03.12.1998: Die Regierung erklärt, daß im Laufe der nächsten drei Jahre alle staatlichen Schulen privatisiert werden. Für Bildungsausgaben sind Steuerermäßigungen vorgesehen, und für eine Übergangszeit werden Gutscheine ausgegeben.

01.06.1999: Bei der Eröffnung der Ausstellung "Die Evolution übernehmen" im Museum of Modern Art stellen extropische Künstler verschiedener Bereiche optimistische, wissenschaftlich begründete Visionen des Möglichen und Erreichbaren vor.

17.09.1999: Der Oberste Gerichtshof stellt fest, daß Gesetze gegen freiwillige Euthanasie verfassungswidrig sind, da sie das Recht auf Selbstbestimmung verletzen. Die Entscheidung des Gerichts fragt: "wenn einem Individuum das eigene Leben nicht gehört, was kann ihm oder ihr überhaupt gehören?"

10.06.2000: Der Kongress stimmt einem Plan zur vollständigen Privatisierung der Sozialversicherung zu. Steuernachlässe zur Förderung persönlichen Vorsorgesparens sind vorgesehen.

10.01.2001: Der Nationale Lehrerverband drängt auf die Ausweitung von Kursen über kritisches Denken und die Vermittlung der Fähigkeit zu logischem Denken auf allen Gebieten. Nach Expertenvoraussagen werden durch die Einführung freier Schulwahl und Konkurrenz auf diesem Gebiet Kurse in kritischem und logischem Denken zu einem wichtigen Bestandteil von Schulplänen. Eltern und Firmen fordern solche Fähigkeiten, da sie den Einzelnen zum Umgang mit Veränderung und Komplexität befähigen.

19.03.2001: Die maximale Einkommenssteuerrate wird auf 24%, die minimale auf 12% gesenkt. Unternehmenssteuern werden abgeschafft. Das Institut für Ökonomische Forschungen sagt zusätzliche 2.5% zusätzliches jährliches ökonomisches Wachstum während der nächsten fünf Jahre aufgrund steigender Investitionen voraus.

14.04.2003: Die Allianz Fundamentalistischer Kirchen bemerkt den Rückgang religiösen Fundamentalismus und hält ihn für ein Zeichen, daß der Teufel die Kontrolle übernommen habe und die Wiederkunft des Herrns sehr bald bevorstehe. Pfarrer Richard Bigott ruft die Öffentlichkeit dazu auf, die wachsende Unterstützung für humanistische, Skeptiker- und extropianische Organisationen und Projekte aufzugeben, bevor die Seelen für immer verloren seien.

18.07.2004: Eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofes bestätigt mehrere kürzlich ergangene untergeordnete Entscheidungen, indem sie das fundamentale Recht zur Kontrolle über den eigenen Körper anerkennt. Alle Abtreibungs- und Drogengesetze werden für verfassungswidrig befunden. Schulen und andere Institutionen kündigen verstärkte Bildungskampagnen an, um Informationen über Effekte von Drogen zu liefern und jedem bewußte Entscheidungen über Drogengebrauch zu ermöglichen.

12.08.2005: Die FDA wird abgeschafft. Alle Einstufungen zu Sicherheit und Produktqualität werden auf Subskriptionsbasis von privaten Firmen durchgeführt. Strafen für unzureichende Sicherheitstest werden überarbeitet und Kunden aufgefordert, sich bei den Einstufungsagenturen zu informieren.

15.03.2006: Eine Umfrage des Magazins "Der Skeptiker" zeigt, daß in den letzten zehn Jahren der Glaube an Engel um 42%, an Entführungen durch Außerirdische um 73% und an übersinnliche Phänomene um 34% zurückgegangen ist.

08.02.2007: Thinksoft berichtet von einer 55%igen Steigerung der Quartalsgewinne dank guter Verkaufsergebnisse von "Denke Selbst" - des Künstliche-Intelligenz-Softwarepakets zur Steigerung kritischen Denkens und persönlichen Entscheidungsvermögens.

Die meisten meiner Freunde und Kollegen schätzen Selbstbestimmung hoch ein. Dieser Wert erscheint mir als normaler Teil meiner Welt. Von Zeit zu Zeit jedoch erhasche ich einen Blick auf die ganze Breite der Kultur. Diese Augenblicke wirken immer als Erinnerung, als kleine Überraschung, daß viele Menschen nicht nur unvorbereitet sind für die Posthumanität, sondern daß sie gar noch im Mittelalter leben. Als ich nach einer Teilzeit-Lehrerstelle für Philosophie suchte, sandte ich Anfragen an Colleges meiner Umgebung. Eines, dessen religiöse Natur mir vorher nicht bewußt war, schickte mir ein "Glaubensbekenntnis" zurück. Dieses mußte vom gesamten Lehrkörper unterzeichnet werden, bevor jemand zugelassen werden konnte. Unter den Bekenntnissen, denen ich hätte zustimmen sollen, wenn ich dort unterrichten wollte, war dies: "Wir glauben an den Sündenfall des Menschen und seine daraus folgende totale moralische Verderbtheit, welche in seiner äußersten Sündhaftigkeit und seinem aussichtslosen Zustand resultieren und seine Erneuerung durch den Heiligen Geist notwendig machen." Nachdem ich meine Fassung wiedererlangt hatte, strich ich dieses College von meiner Liste.

Die Ursünde war immer ein religiöses Mittel, um Menschen zur Aufgabe der psychologischen Kontrolle über ihr Leben zugunsten einer Ideologie und religiöser Authoritäten zu bewegen. Die Idee, daß wir als Sünder geboren werden, geht Hand in Hand mit blindem Glauben. Der Glaube untergräbt unsere Fähigkeit, unabhängig zu denken - und Herr unseres Verstandes zu sein. In unserer christlich dominierten Kultur unterhöhlen diese Ideen weiterhin spürbar die Selbstbestimmung. Angriffe auf die Bedingungen der Selbstbestimmung kommen nicht nur aus metaphysischer, sondern auch aus politischer und moralischer Richtung. Im 20. Jahrhundert haben verschiedene Formen des Kollektivismus - der Anschauung, daß die Gruppe (der Staat, die Rasse, der Stamm, die Menschheit) mehr zählt als der Einzelne - Millionen dazu gebracht, ihre persönliche Freiheit und Verantwortung aufzugeben. Der Altruismus - der Glaube, daß Eigeninteresse unmoralisch ist und Moral primär und grundsätzlich im Dienst für andere besteht - hat hohe Hürden auf dem Weg zu ethischer und psychologischer Selbstbestimmung errichtet. An der philosophischen Front hat der jahrelang moderne radikale Skeptizismus bewußte Selbstlenkung erschwert. Wenn man nichts wissen und seine Anschauungen nicht präzisieren kann, ist keine verläßliche Selbstlenkung möglich.

Bedeutende kulturelle und intellektuelle Veränderungen sind notwendig, bevor wir zu selbstbestimmten Posthumanen werden können. Bloße abstrakte Akzeptanz extropischer Grundsätze und Werte reicht nicht, um eine Person oder Kultur extropianisch, auf die Zukunft vorbereitet zu machen. Durch extropianische Lebensweise posthuman zu werden bedeutet, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Um extropisch zu leben, müssen wir extropisch handeln. Nur wenn wir Theorie und Tat zu einem einheitlichen, ausgewogenen Leben verbinden, können wir dies erreichen. Eine wichtige Komponente dieser Integration von Idee und Tat ist der Begriff der Selbstbestimmung. Die Selbstbestimmung, die wir meinen, hat philosophische, psychologische und politische Aspekte.

Als Extropianer gehe ich davon aus, daß mir mein Körper, mein Geist und mein Leben gehören. Ich meine, daß jeder sich selbst gehört, selbst wenn viele Menschen anders handeln und von anderen auf die eine oder andere Art und Weise kontrolliert werden wollen. Der Grundsatz der Selbstbestimmung verschafft uns ein wichtiges Konzept, unser Leben zu meistern, gegenwärtig wie auch auf unserer Reise in eine posthumane Zukunft nie zuvor dagewesener Möglichkeiten.

Einige der oben erwähnten gegen die Selbstbestimmung gerichteten Ideen - Altruismus, Ursünde, Kollektivismus - sind oft im Zusammenhang mit einer anderen historisch einflußreichen und überaus schädlichen Ansicht aufgetreten. Diese destruktive Idee ist die Annahme des Dualismus von Körper und Geist. Dieser Dualismus tritt in verschiedenen Formen auf. Im Prinzip sagt diese Anschauung aus, daß die körperliche Welt vollständig getrennt sei von der Welt des Geistes, der Persönlichkeit, der Seele. Immer kommt diese Ansicht daher mit der Schlußfolgerung, daß die körperliche Welt der mentalen oder spirituellen untergeordnet sei, daß der Körper schmutzig, schlecht und entartet sei. In den christlichen Abwandlungen dieser Idee ist die physikalische Welt das Reich Satans, und der Körper der Sitz sündhaften Verlangens, das zu ewiger Verdammnis führen kann. Die platonische Variante, welche das westliche Denken einschließlich des Christentums tief beeinflußt hat, sieht die körperliche Welt unserer Erfahrungen bloß als unvollkommenes Abbild eines perfekten, ewigen Reiches der Ideen. In den östlichen Religionen manifestiert sich der Dualismus von Körper und Geist darin, daß der Körper und seine Wünsche und Eindrücke als Ablenkung von spirituellem Fortschritt gelten. Aus dem endlosen Prozess von Wiedergeburt und Karma auszubrechen und das Nirvana zu erreichen erfordert die Loslösung von allem Körperlichen.

Ich schlage vor, den Dualismus von Körper und Geist durch eine Anschauung zu ersetzen, die Geist und Körper, das Physische und das Intellektuelle, das Materielle und das Spirituelle als integriertes Ganzes auffaßt. Selbstbestimmung bedeutet, über alle Aspekte meines Ich zu verfügen: meinen Körper, meine Gefühle, meinen Intellekt, meine Wertvorstellungen. Meine Werte, Ansichten und Gefühle drücken sich in körperlichen Taten aus. Mein Geist gehört mir nicht vollständig, wenn mir nicht auch mein Körper gehört. Und mein Körper gehört mir nicht, wenn ich die Kontrolle über meinen Geist aufgebe. Dies sind zwei Seiten einer Realität und müssen als Ganzes betrachtet werden.

Selbstbestimmung zu fordern heißt zu akzeptieren, daß ich frei und verantwortlich bin. Ich setze meine eigenen Ziele, lege meine eigenen Wertmaßstäbe fest und lenke mich selbst. Ich bestimme über mich selbst und erkenne an, daß andere über sich selbst bestimmen. Ich will daher weder herrschen noch beherrscht werden. Auf unserem Weg in die Zukunft machen die Komplexität des Lebens und die Geschwindigkeit der Veränderungen es zunehmend erforderlich, persönlich verantwortungsvoll zu handeln, unseren eigenen Kurs abzustecken, klare Ziele zu setzen und uns selbst zu lenken. Ein extropisches Leben zu führen bedeutet mehr als nur anders zu denken. Es bedeutet, als Transhumaner bereit zu sein für das Überschreiten der Schwelle zu einer revolutionär neuen Etappe der Evolution von Leben und Geist.

In der menschlichen Geschichte wurde die Selbstbestimmung während der meisten Zeit nicht als Tugend oder erstrebenswertes Prinzip gesehen (außer für die Herrscher, in mancher Hinsicht). Psychologisch und philosophisch betrachtet glaubten die Menschen für gewöhnlich, sie wären Eigentum eines Gottes und müßten ihre Ansichten und Werte an denen religiöser oder kultureller Authoritäten ausrichten. Eine niedrige Lebenserwartung tat ein Übriges und ließ den meisten Menschen wenig Zeit, ein starkes Selbstgefühl zu entwickeln. Frauen, Kinder, Sklaven und Diener lehrte man Gehorsam, nicht Selbstbestätigung, Selbstachtung oder Selbstentwicklung.

Politisch und sozial gesehen entwickelten sich Ideen von Selbstbestimmung, individueller Freiheit und persönlicher Verantwortung erst innerhalb der letzten zwei Jahrhunderte - und in noch näherer Vergangenheit (meist begrenzt auf die westliche Welt) für Frauen. Selbst die heutigen Demokratien verkörpern eher die Idee, daß wir alle uns gegenseitig beherrschen, als die, daß wir nur über uns selbst bestimmen und herrschen.

Auf dem gegenwärtigen Stand der menschlichen Entwicklung, zumindest in den freieren Teilen der Welt, ist ein bestimmter Grad von Selbstbestimmung notwendig geworden. In dem Maße, wie Zwangsehen verschwanden, konnten Männer und Frauen ihre Partner auf Grund ihrer persönlich bevorzugten Eigenschaften wählen. In dem Maße, wie eine dynamische Ökonomie lebenslange und niemals wechselnde Beschäftigungen beseitigt, sind wir mit ständiger Aneignung neuer Fertigkeiten befaßt, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. In dem Maße, wie wir mit einer unüberschaubaren Menge an Ideen (moralischen, politischen, philosophischen, religiösen, künstlerischen) konfrontiert werden, wächst die Notwendigkeit, aus diesen zu wählen und unsere eigene Identität zu bestimmen. Mit der wachsenden Zahl von Optionen, Möglichkeiten und Ablenkungen verstärkt sich das Bedürfnis nach klarer Selbstausrichtung. Zur gleichen Zeit werden unsere Zerstörungswaffen immer mächtiger und tödlicher, was den Wert individueller Freiheit, persönlicher Verantwortung und des Respekts für andere zunehmend verdeutlicht.

Extropianer sehen eine fortgesetzte und beschleunigte Entwicklung in Technik und Gesellschaft voraus, was wachsende Komplexität, zunehmende Auswahlmöglichkeiten, sich ausweitende Freiheit und größere Gefahren nach sich zieht. In dem Maße, wie Menschen transhuman werden, wird die Notwendigkeit der Selbstbestimmung deutlicher und ihre Vorteile lohnender. Ein Bauer oder Handwerker des 15. Jahrhunderts konnte mit genauso wenig Selbstbestimmung auskommen wie jeder andere seiner Zeit. Ein Mensch des 21. Jahrhunderts und darüberhinaus wird alle Aspekte der Selbstbestimmung wahrnehmen müssen, um zu überleben - im Sinne der eigenen Vorstellungen. Diese Abhandlung versucht, die verschiedenen Seiten dieser Idee zu untersuchen und zusammenzufassen.

Die Idee der Selbstbestimmung - die enthaltenen Begriffe, die daraus folgenden Wertvorstellungen und die propagierten Verhaltensweisen - umfaßt philosophische, psychologische und politische Komponenten. Um deutlich zu machen, warum Extropianer Nachdruck auf den Begriff der Selbstbestimmung legen und welche Konsequenzen das hat, behandle ich sechs Teilaspekte:

  • Unabhängiges Denken.
  • Individuelle Freiheit.
  • Persönliche Verantwortung.
  • Selbstlenkung.
  • Selbstachtung.
  • Respekt für andere.

UNABHÄNGIGES DENKEN

Denken ist Schwerstarbeit. Die meisten Menschen versuchen, so wenig wie möglich zu tun. Wenn sie ihre Ideen von anderen beziehen können, so tun sie dies. Scheint jemand sicher zu sein, daß er weiß, was richtig ist, folgen ihm viele. Ideologien und Kulturen können wichtige Einsichten verkörpern und bewahren. Sie können aber auch mißbraucht werden von denjenigen, die alle Antworten fertig vorzufinden wünschen. Selbst Denker, die sich selbst als Meister von Individualismus und Rationalismus bezeichnen, können dogmatisch auftreten. Denn es ist sicherlich einfacher, andere zum kritischen und unabhängigen Denken aufzufordern, als sicherzustellen, daß man selbst dies tut.

Den Kern der Selbstbestimmung bildet die Verpflichtung zu unabhängigem Denken. Ohne kritische Gedanken tanzen wir nach der Pfeife von anderen. Ohne unabhängige Gedanken ist vollständige Selbstbestimmung unmöglich. Selbst die rationalste Philosophie wird dann zur Hürde auf dem Weg zu neuen Entdeckungen und intellektuellem Fortschritt. Unabhängig zu denken bedeutet nicht nur, in Frage zu stellen, was man uns sagt, sondern bedeutet auch die Bereitschaft, unsere gegenwärtigen Ansichten anzuzweifeln.

Manche Individualisten, besonders die jüngeren und die emotional unterentwickelten, verwechseln intellektuelle und kulturelle Unabhängigkeit mit reaktiver Rebellion. Ayn Rand hat solche Personen als "falsche Individualisten" bezeichnet. (Leider haben einige ihrer Anhänger den Sinn nicht begriffen.) Während Konformisten die Zügel ihres Verstandes schleifen lassen, reagieren falsche Individualisten gegen bestehende Ideen und Einrichtungen nur, um anders zu sein. Doch blinde Zurückweisung demonstriert nur wenig mehr Unabhängigkeit als unbewußtes Festhalten an bestehenden Ideen. Wirklich unabhängige Denker steuern einen behutsamen Kurs zwischen dogmatischer Zuneigung zu anerkannten Ideen und rebellischer Ablehnung um der Ablehnung Willen.

Wie dieser Balanceakt zeigt, gibt es keine einfache Formel für unabhängiges und kritisches Denken. Selbst zu denken kann nicht bedeuten, sich auf absolute feste Standards zu beziehen, denn dies würde das kritische Nachdenken über diese Standards ausschließen. Doch unabhängige Gedanken implizieren auch nicht Beliebigkeit des Denkens. Denn in dieser Richtung liegen nicht Fortschritt und Unabhängigkeit, sondern Chaos, intellektueller Bankrott und Irrationalismus. Ohne intellektuelle Standards wandern Denken, Werte und Taten ziellos umher, getrieben von beliebigen Gefühlen und äußeren Einflüssen.

Unseren souveränen Verstand zu benutzen erfordert, sich auf Standards kritischen Denkens zu beziehen. Doch auch diese Standards selbst müssen in Frage gestellt werden dürfen. Fundamentaler noch als die anerkannten Denknormen (einschließlich Logik, wissenschaftlicher Methoden usw.) ist eine grundlegende Bereitschaft, unsere eigenen vorgefaßten Meinungen anzuzweifeln. Wir können autonom denken, indem wir uns mit intellektuellem Fortschritt identifizieren, nicht mit dem Zwang, Recht zu haben und dies beweisen zu müssen. Auf der Grundlage unserer Denknormen stellen wir Anschauungen in Frage, müssen aber auch bereit sein, diese Normen anzuzweifeln und, wenn nötig, zu revidieren. Dieser "pankritische Rationalismus" stellt potentiell alles in Frage, nicht auf Grund eines tieferliegenden Wissensskeptizismus, sondern weil er der Verbesserung unseres Verständnisses verpflichtet ist.

Die Philosophen mögen das kritische Denken besonders hervorheben, doch heißt unabhängig zu denken auch, kreativ zu denken. Der pankritische Rationalismus - die Bereitschaft, alles in Zweifel zu ziehen - wird durch eine kreative, forschende Geisteshaltung befördert. Wenn wir die konstruktive Fähigkeit entwickeln, neue Optionen und Wege des Denkens zu erkennen, werden wir es als sehr viel leichter empfinden, uns von zwar bekannten, aber dennoch fehlerhaften Ansichten zu lösen. Deshalb heißt Unabhängigkeit des Denkens für uns sowohl kritisches wie auch forschendes, kreatives Denken.

In der Rolle, die experimentelles, forschendes Denken spielt, drückt sich auch die Unterstützung des Dynamischen Optimismus für die Selbstbestimmung aus. Bei Beobachtung von und Diskussionen mit anderen Extropianern ist mir häufig aufgefallen, wie ihr grundlegender Optimismus die Offenheit für neue und bessere Ideen befördert. Der Dynamische Optimismus versichert uns, daß wir Dinge besser machen, unser Verständnis erhöhen und vorankommen können. Er eröffnet uns neue Informationsquellen und neue Verfahrensweisen. Eine dynamisch optimistische Haltung spornt uns an, Gelegenheiten für Weiterentwicklung und Lernen auszumachen. Sie macht uns höchst kreativ. Wir sind zunehmend gewillt, neue Ansätze zu erkennen und auszuprobieren. Optimisten sind eher geneigt, kalkulierte Risiken einzugehen, als an angeschimmelten, aber vertrauten Ideen festzuhalten. Durch die Kombination von optimistischem, experimentellem, kreativem Denken mit kritischem Denken sind wir imstande, intellektuelle Unabhängigkeit zu erreichen.

INDIVIDUELLE FREIHEIT

Das gesellschaftliche Rahmenwerk der Zukunft muß persönliche Freiheit respektieren. Es gibt Transhumanisten, die überkommene ökonomische und politische Ansichten vertreten. H. G. Wells z.B. glaubte, daß man technischen und sozialen Fortschritt durch Technokratie erreichen würde - durch "wissenschaftliche" Steuerung der Ökonomie, durch Experten, die das Individuum in die richtige Richtung dirigieren würden. Selbst heute noch, wo uns eine Fülle historischer Fakten zur Verfügung steht, ruft mancher etatistische Futurist nach einem "Big Brother", der uns den Weg weist. Diese zukunftsgerichteten Anhänger marxistischer Irrtümer haben die Funktionsweise komplexer Systeme nicht verstanden. Sie haben nicht begriffen, wie spontane Ordnung funktioniert. Sie erfassen nicht, wie Freiheit im Zusammenspiel mit Verantwortung unseren dauernden Fortschritt befördert.

Extropianer unterscheiden sich in diesem Punkt von anderen Transhumanisten. Sie sehen sich nicht als die Letzten einer langen, verblendeten Reihe weiser Herrscher, die alles richten werden. Zentralisierte Kontrolle mag machbar, wenn auch nicht optimal, gewesen sein in den einfacheren Gesellschaften der Vergangenheit. Heutzutage bremst uns zentrale Zwangslenkung nur. Für sie gibt es in der Zukunft keinen Platz. Je komplexer Volkswirtschaften, Gesellschaften und Technologien werden, desto verheerender kann der Versuch werden, solche sich entwickelnden Systeme von oben herab zu steuern.

Zwang ausübende, bürokratische Regierungseinrichtungen ziehen immer unerwünschte Konsequenzen nach sich. Ökonomen wie von Mises oder Hayek haben gezeigt, daß Regierungen niemals ausreichende Informationen besitzen, um genaue Vorhersagen zu treffen oder ökonomische Größen zu steuern. Ein großer Teil an Wissen über kreative und produktive Prozesse wird und kann oft nicht an die zentralen Planer übermittelt werden. Ein Großteil ökonomischer Aktivitäten beruht auf nicht expliziter Information, die nicht in Planungsmodelle der Regierung eingehen kann. Die sich entwickelnde Wissenschaft komplexer selbstorganisierender Systeme zeigt uns, daß schnellere Computer und komplexere Modelle diesen Faktor nicht aus der Welt schaffen können.

Wie also können wir das Gedeihen komplexer Systeme unterstützen? Dadurch, daß wir erkennen, wie spontane Selbstordnung funktioniert. Diese zeigt sich in zahlreichen Arten komplexer Systeme. Ein berühmtes Beispiel ist die Metapher des Ökonomen Adam Smith aus dem 18. Jahrhundert von der "unsichtbaren Hand", die enthüllt, wie sich nützliche gesellschaftliche Ergebnisse aus der Verfolgung persönlicher Ziele ergeben. Beginne mit einem grundlegenden, stabilen, verständlichen Rahmen von Eigentumsrechten: mit Rechtsstaatlichkeit statt Herrschertum, mit Privateigentum, freiem Austausch und Preissignalen auf einem freien Markt. Gestatte es jedem Individuum, innerhalb dieses Rahmens seinen eigenen Interessen nachzugehen. Dann tritt zurück und beobachte einen unglaublichen sozialen Organismus, der wachsenden Wohlstand, technischen Fortschritt und gesellschaftliche Evolution hervorbringt.

Spontane Ordnung findet sich auch in der biologischen Evolution. Charles Darwin erzielte seinen weltverändernden Durchbruch im Verständnis, nachdem er Adam Smith gelesen hatte. Selbst im Computerbereich findet man spontane Ordnung. In dem Maße, wie Computernetzwerke immer komplexer werden, nutzt man verteilte, marktähnliche Prozesse, anstatt Rechenleistung zentral zuzuweisen. Spontane Ordnung, nicht zentralisierte Lenkung, liefert den Schlüssel zu Verwaltung und Aufrechterhaltung von Komplexität.

Wie nun verhalten sich die Ideen der Selbstbestimmung, der spontanen Ordnung, des freien Marktes und individueller Freiheit zueinander? Ich kontrolliere meinen eigenen Verstand. Ich entscheide, wie ich denke, worüber ich nachdenke und wie lange. Ich wähle meine Aktivitäten, Antworten, Werte. Mein Verstand gehört mir. Diesen Besitz wahrzunehmen erfordert körperliche Aktion. Der Geist-Körper-Dualismus macht echte Selbstbestimmung unmöglich. Eine rationale Philosophie muß erkennen, daß das Mentale und Normative im Körperlichen eingebettet und ausgedrückt werden muß. Meine Werte, Wünsche und Pläne müssen in Taten übertragen werden. Über mich selbst zu bestimmen bedeutet, über meinen Körper zu bestimmen. Mein Körper - der Träger meines Geistes - ist mein privatestes Eigentum. Mein Geist und mein Körper sind keine kollektive Ressource. Sie sind "ich" und gehören mir.

Die großen philosophischen und religiösen Sichtweisen der letzten Jahrhunderte haben einen Keil zwischen Geist und Körper, Werte und Aktionen, das Intellektuelle und das Körperliche getrieben. Buddhismus wie Christentum haben den Körper geschmäht. Fundamentalistische Christen sehen die körperliche - die reale - Welt als das Reich des Teufels. Erst die völlig un-physische Welt eines mystischen Jenseits gestattet uns einen gewissen Grad an Selbstkontrolle und Selbstbestimmung. (Selbst dann jedoch gehören unsere Seelen schließlich Gott.) In der körperlichen Welt werden wir von teuflischen, fleischlichen Kräften herumgestoßen. Diese Ansicht verneint die Möglichkeit zur Selbstbestimmung in der realen Welt. Auch nach dem Sterben gestattet sie nur eine begrenzte Selbstbestimmung. Nach extropischer Anschauung können und sollen Geist und Körper zusammenarbeiten. Bestimmung über meinen Verstand erfordert Bestimmung über meinen Körper. Und Bestimmung über meinen Körper erfordert die Fähigkeit, meinem Körper externes Eigentum als Erweiterung meiner selbst zu besitzen.

Wenn ich mit anderen über sich selbst bestimmenden Individuen Ideen, Arbeitskraft und Güter frei tausche, dann schaffe und übertrage ich Privateigentum. Letzteres umfaßt Selbstbestimmung und geht über sie hinaus. Ohne Privateigentum und die Freiheit des Austausches kann ich Selbstbestimmung über Geist und Körper nicht wahrnehmen.

Der freie Markt verkörpert das Handelsprinzip. In freien dynamischen Gesellschaften können Werte nicht durch Zwang erlangt werden. Wenn ich etwas brauche, muß ich zum Ausgleich einen akzeptablen Gegenwert anbieten. (Die legitime Ausnahme besteht darin, daß jemand uns aus eigenen Gründen etwas umsonst gibt.) In einer Zukunft gesteigerter technischer Zerstörungskraft wird es noch wichtiger, von erzwungenem Transfer zu freiwilligem Austausch überzugehen. Wir müssen Konflikte und Parasitismus durch gegenseitig vorteilhaften Tausch ersetzen. Nur in einem freiwilligen Tauschprozeß ist sichergestellt, daß alle beteiligten Seiten einen Gewinn erwarten.

Das Ideal der Selbstbestimmung erklärt, warum Extropianer Positionen besetzen, die weder links noch rechts in der groben, überlebten politischen Klassifikation einzuordnen sind. Als Anhänger der Selbstbestimmung sind Extropianer gegen Gesetze, die sich für Minimallöhne oder gegen Pornographie aussprechen; wir unterstützen das Recht von Unternehmern, Milliardär zu werden, wie auch das von Homosexuellen, offiziell zu heiraten; wir erkennen das Recht jeder Frau an, ihre Selbstbestimmung in Sachen Schwangerschaftsunterbrechung auszuüben, und das eines Arbeitgebers, Beschäftigung zu jeder Bezahlung, ohne den Druck von Minimallohnregelungen, anzubieten; wir sind gegen gesetzliche Diskriminierung, sei sie "positiv" oder negativ; wir bejahen das Recht eines Individuums, Drogen seiner Wahl zu benutzen, sein Leben zu beenden, wann immer man es für wünschenswert hält, und das Recht auf kryonische Aufbewahrung vor dem juristischen Tod; wir bejahen das Recht eines jeden, sich zu verbinden mit wem auch immer man es wünscht.

Ist volle Selbstbestimmung vereinbar mit irgend einer Rolle für eine Regierung? Sicherlich unterstützt eine Regierung Selbstbestimmung in mancher Hinsicht: in dem Sinne, daß es minimale Regeln für Aktivitäten gibt, um Rechte und Freiheiten zu schützen. Ob diese Rechte von einem monolithischen Staat durchgesetzt werden müssen, ist eine zu komplexe Frage, um hier behandelt werden zu können. Nicht alle Anhänger der Selbstbestimmung stimmen hinsichtlich der Rolle des Staates (oder ob er überhaupt notwendig wäre) überein. Manche glauben, daß der Schutz der Selbstbestimmung einen Staat erfordert, der Gesetze schafft und durchsetzt, die nationale Verteidigung übernimmt und Regeln betreffs "öffentlicher Güter" wie z.B. sauberer Luft aufstellt. Andere vermuten, daß diese Verwaltungsfunktionen besser von konkurrierenden Organisationen durch freiwilligen Austausch in einem freien Markt erfüllt werden könnten. Verschiedene extropische Vordenker haben sich mit diesen Möglichkeiten eingehend beschäftigt.

Werden die ökonomischen und technologischen Kräfte zu einem natürlichen Zuwachs an Freiheit während der kommenden Dekaden führen? Die individuell verstärkenden Effekte der molekularen Nanotechnologie, verteilten Rechnens, der Verschlüsselung, virtueller Gemeinschaften, eines verbesserten Ausbildungsniveaus, zunehmender Internationalisierung und wachsenden Verkehrs legen eine positive Antwort nahe. Ein ganzes Buch wäre notwendig, um diese Frage adäquat zu beantworten, deshalb werde ich dies an dieser Stelle vertagen.

Wichtig ist, daß jeder von uns individuelle Freiheit fördert, wenn wir auf eine Zukunft treffen wollen, die durch eine dynamische, flexible und reichhaltige Gesellschaft und Wirtschaft gekennzeichnet ist. Auf unserer Reise in die Zukunft erwerben wir neue Fähigkeiten und sind vor neue Entscheidungen gestellt. Wir erlernen neue Wege, uns selbst und unsere Umgebung umzugestalten. Was wir brauchen, ist die volle Anerkennung der Freiheit, lebensverlängernde Therapien zu wählen, kryonisch suspendiert zu werden, unsere Gehirne und Körper zu verbessern und zu modifizieren. Was andere für natürlich oder normal halten, bestimmt letztendlich nicht darüber, wofür wir uns entscheiden.

PERSÖNLICHE VERANTWORTUNG

Ein erfolgreiches Leben zu leben, zu überdauern und zu gedeihen erfordert, persönliche Freiheit durch persönliche Verantwortung zu ergänzen. Eine optimale Lebensweise wird durch Verantwortung stark gefördert. Auf sozialer Ebene kann Freiheit nicht lange überleben, wenn persönliche Verantwortung abgelehnt wird.

Betrachten wir zuerst, wie Freiheit durch Verantwortung gestützt wird. Eine Gesellschaft, deren Mitglieder Freiheit fordern, doch persönliche Verantwortung ablehnen, wird bald keines von beiden mehr haben. Freiheit ohne Verantwortung bedeutet Zügellosigkeit. Ungezügelte Freiheit ist zu einem verbreiteten Aspekt unserer Kultur geworden. Er zeigt sich auf vielfältige Weise: im Verlangen nach der Freiheit, alles ohne Beschränkungen und ohne Kosten zu tun (andere werden die Kosten tragen); die Forderung nach einem Recht auf Einkommen (andere werden das Einkommen erwirtschaften); die Erwartung garantierten Geschäftserfolges (andere werden die Kosten für staatliche Subventionen und den Schutz vor ausländischer und "unfairer" Konkurrenz tragen).

Die Freiheit ist kein Freibrief. Sie bedeutet Abwesenheit von Zwang. Sie bedeutet, daß wir über unsere eigenen Taten bestimmen, unsere eigenen Pläne machen und uns entsprechend unserer eigenen Ansichten und Wertvorstellungen verhalten können. Wenn wir ein produktives, lohnendes Leben in einer florierenden Gesellschaft anstreben, müssen wir anerkennen, daß wir mit der Forderung nach Freiheit auch die Verantwortung für uns selbst übernehmen müssen. Die Abwesenheit äußerer Kontrolle hinterläßt eine chaotische Leere, wenn sie nicht durch Kontrolle von innen ersetzt wird.

Andauernde Freiheit erfordert persönliche Verantwortung. Ohne diese Verbindung werden unsere politischen Einrichtungen zu Mitteln, Schuld zuzuweisen, andere zum Lösen unserer Probleme zu zwingen und von ihren Anstrengungen zu leben. Mit dem Rückgang der Verantwortung wird das politische System in zunehmendem Maße tyrannisch und belastend. Die Politiker verabschieden immer neue Gesetze, die den Menschen vorschreiben, was zu tun sei und wie. Immer neue Gaben aus Steuergeldern unterstützen diejenigen, die nicht arbeiten wollen. Das Recht läßt zunehmend skrupellose Haftungsklagen zu, in denen Unverantwortliche eine leichte Einkommensquelle suchen. Regierungseinrichtungen übernehmen das Kommando und schreiben uns vor, was wir essen sollen, welche Vitamine wir nehmen dürfen, welche Risiken wir eingehen können und welche neuen Technologien wir zu benutzen haben. Schließlich wird individuelle Auswahl zurückgedrängt und alles nicht Obligatorische ist verboten. Jeder kleine Eingriff bewirkt neue Probleme und unvorhergesehene Nebenwirkungen. Diese führen zu dem Ruf nach neuen Eingriffen. Der Weg in die Leibeigenschaft wird in kleinen Schritten zurückgelegt.

Wenn wir nicht die Verantwortung für uns selbst übernehmen, wird die Freiheit bald entwertet. Eine Wahl zu treffen kann verwirrend und beängstigend sein für diejenigen, welche nicht daran gewöhnt sind. Dies erfordert Übung und Engagement, bis es ganz natürlich erscheint. Ich erinnere mich, wie ich einmal über einen Besucher aus der (damaligen) Sowjetunion las, der die USA besuchte. Der Autor berichtet, wie der sowjetische Gast auf der Suche nach Zahnpasta eine Drogerie betrat. Die große Auswahl an Sorten und Marken schockierte ihn. Er bemerkte laut, wieviel einfacher es doch in der Sowjetunion sei, wo einem die Wahl abgenommen werde. Damit also die Freiheit ihre Anziehungskraft bewahrt, müssen wir bestimmte Charaktereigenschaften fördern.

Die Ausübung persönlicher Verantwortung hilft, unserer Kultur die Freiheit zu erhalten. Auf individuellem Level profitieren wir direkt vom Übernehmen von Verantwortung. Doch was schließt Verantwortung ein? Welche Charaktereigenschaften - welche Tugenden - zeichnen eine verantwortungsvolle Person aus?

Die übermäßig nachsichtige Kultur der sechziger Jahre brachte viele dazu, es "die Sau rauszulassen", "mit dem Strom zu schwimmen" und Verpflichtungen zu vermeiden. Während die sogenannte "Gegenkultur" der sechziger Jahre viele Köpfe für neue Ideen und Lebensweisen öffnete, neigte sie auch dazu, viele der für ein erfolgreiches Leben notwendigen Tugenden abzulehnen. Spaß, Spiel und ziellose Aktivität haben einen bedeutenden Platz in unserem Leben. In Wahrheit schließt ein erfolgreiches, selbstbestimmtes Leben jedoch anspruchsvolle Eigenschaften wie z.B. Selbstdisziplin ein. Wenn wir unsere tägliche Wahl treffen, müssen wir unsere Ziele und Werte im Auge behalten, konzentriert bleiben und Ablenkungen widerstehen. Durch das Übernehmen von Verantwortung für unsere Ziele lernen wir, den Wert der Ausdauer zu schätzen. Die meisten großen Errungenschaften der menschlichen Rasse erforderten Hartnäckigkeit und Ausdauer. Eine Person, die nur für den Moment lebt, eine Kultur, die ihr Engagement für Launen und Ablenkungen aufgibt, werden nichts erreichen.

Neben persönlicher Anstrengung, Konzentration und Ausdauer erfordert persönliche Verantwortung die Tugend der Integrität. Eine integre Person sorgt dafür, daß ihre Taten mit ihren Werten übereinstimmen. Die Quelle ihrer Aktionen liegt in ihren eigenen Werten und Zielen begründet, nicht im wechselnden Einfluß äußerer Umstände. Integrität ist ethische Tugend und psychologische Charaktereigenschaft zugleich. Eine integre Persönlichkeit hat konsistente und rationale Wertvorstellungen entwickelt. Sind die eigenen Werte fundamental inkonsistent oder einem erfolgreichen Lebensstil nicht zuträglich (wie z.B in einer Ethik der Selbstaufopferung oder Opferung anderer), so wird Integrität unmöglich. Wenn Ethik und Wirklichkeit im Gegensatz zueinander stehen, kann man entweder erfolgreich sein oder ethisch leben, aber nicht beides zugleich. Glaubt man an eine irrationale Ethik, dann macht die Suche nach einem optimalen Leben ethische Integrität unweigerlich zunichte.

Entscheidend für die Selbstbestimmung ist es, über unsere Wertvorstellungen zu bestimmen. Wenn wir bestimmte Werte bekunden, unser Leben aber von Eigennutz, sozialem Druck oder autoritärem Diktat bestimmen lassen, zieht es uns in verschiedene Richtungen. Wie ein an einen Pfosten gekettetes Rennpferd laufen wir dann im Kreis und mühen uns ab, ohne erkennbaren Fortschritt.

Über unsere Werte zu bestimmen und nach ihnen zu leben bedeutet, unsere intellektuelle und emotionale Autonomie wahrzunehmen. Eine autonome Person bleibt bei Entscheidungen sich selbst treu, selbst im Angesicht äußeren Drucks. Autonomie basiert nicht auf blinder Rebellion oder Verweigerung der Zusammenarbeit, sondern auf Selbstlenkung, Selbstverständnis, Rationalität und Selbstkontrolle. Autonomie und Rationalität erfordern eine dritte Tugend: die der Aufrichtigkeit. Diese bedeutet, sich selbst und andere nicht zu täuschen (außer zu wirklichem Selbstschutz). Ehrlichkeit bedeutet, Verantwortung für die Konsequenzen unserer Taten zu übernehmen. Damit verbunden ist die Verpflichtung, Fehler zuzugeben und aus ihnen zu lernen, anstatt die Schuld anderen zuzuschieben.

In der modernen westlichen Welt haben viele Menschen begonnen, die traditionellen Tugenden der Produktivität und der Kreativität abzulehnen. Doch jeder, der über sich selbst bestimmt, erkennt die Notwendigkeit, Werte für sein eigenes Leben zu schaffen, die mit anderen getauscht werden können, um seine Existenz zu sichern. Er begreift die von der Geist-Körper-Dichotomie ausgehende Bedrohung und kümmert sich nicht nur um intellektuelle Belange. Er übernimmt auch finanzielle Verantwortung. Sich selbst zu ernähren bringt nicht nur ein höheres Selbstwertgefühl, es gestattet einem auch, der sich rapide ändernden Zukunft zuversichtlich entgegenzutreten. Neben einem angenehmen täglichen Leben ist Geld auch nötig, um von Zeit zu Zeit neue Fähigkeiten zu erlernen, während die Technik Veränderungen in Geschäfts- und anderen Bereichen mit sich bringt. Steht uns eine verlängerte Lebensspanne zur Verfügung, so werden wir den Wunsch verspüren, uns eine Zeitlang zurückzuziehen, nachzudenken und umzulernen. Geld zu verdienen und zu sparen wird uns, neben der Erhaltung und Verbesserung unserer Gesundheit, die Kraft geben, die zu erwartenden stürmischen Veränderungen der transhumanen und posthumanen Ära glücklich zu überstehen. Der extropische Grundsatz der Selbstbestimmung beinhaltet eine Wiederbelebung der Tugenden Produktivität und Kreativität.

Sollten diese und andere positive Charaktereigenschaften aus unserer Kultur verschwinden, so bedeutet dies auch den Niedergang der Freiheit. Verantwortungslose Menschen messen der Freiheit und ihren Herausforderungen keinen Wert bei. Sie werden vor den Aufgaben einer posthumanen Zukunft zurückscheuen und die Freiheit zerstören, die für diese Zukunft so essentiell ist.

SELBSTLENKUNG

Jegliches Leben ist selbstmotiviert und selbstgelenkt. In einfachen Organismen ist selbstgelenktes Verhalten nur schwer auszumachen. Einzellige Organismen wie Amöben reagieren in höchst vorhersehbarer Weise auf ihre Umgebung. Sie bewegen sich weg von saurem Milieu und hellem Licht und hin zu Nahrung. Die Wesen auf höheren Sprossen der evolutionären Leiter zeigen zunehmend Verhalten, das von innen angeregt wird. Wenn ich meinen beiden Katzen beim Spielen zusehe, kann ich Persönlichkeitsunterschiede feststellen. Ihr Verhaltensrepertoire ist weitaus größer und interessanter als das einer Amöbe. (Außerdem sind sie wärmer und kuscheliger.) Ihre unterschiedliche Persönlichkeit ist Resultat ihrer Selbstlenkung.

Mit dem Aufkommen menschlicher Wesen, ihres begrifflichen Bewußtseins und der Entwicklung von Rationalität und Kultur wird eine noch höhere Stufe der Selbstlenkung erkennbar. Menschen können sich in weit größerem Maße als alle anderen Arten, die wir kennen, der Kräfte bewußt sein, die von außen und innen auf sie wirken. Menschen können über ihre Reaktionen entscheiden. Externe Motivationsfaktoren, wie Gelände, Temperatur oder Nahrungsquellen, bedingen nicht länger ausschließlich, was wir tun. Technik, Weitblick und die Zivilisation gaben uns Flexibilität im Umgang mit äußeren Faktoren. Durch Psychologie und Psychopharmakologie haben wir zunehmende Bewußtheit und Kontrolle über innere psychologische Zwänge erlangt. In dem Maße, wie wir posthuman werden, erhöht sich das Ausmaß unserer Selbstlenkung. Wir werden sowohl das Bedürfnis nach mehr Selbstlenkung haben als auch die Möglichkeit und die Fähigkeit hierzu.

Die Menschen sind heutzutage mit bedeutend mehr Auswahlmöglichkeiten konfrontiert als jemals in unserer Geschichte zuvor. Wir haben die Wahl zwischen diversen Beschäftigungen, Freizeitmöglichkeiten, Partnern, Wohnorten, Anschauungen, Erscheinungsbildern usw. Während wir uns auf die Posthumanität zubewegen, wird sich die Auswahl an potentiellen Zielen noch vergrößern. Neue Technologien bringen neue Industriezweige hervor und schaffen so Bedarf nach neuen Fähigkeiten. Gesellschaftliche Veränderung wird neue Wege des zwischenmenschlichen Umgangs eröffnen, unversuchte Beziehungen, und neue ökonomische und politische Strukturen. Die wissenschaftliche, technische, philosophische und künstlerische Entwicklung erweitert unsere möglichen Ansichten und Denkweisen. Mächtige Technologien werden es uns gestatten, uns selbst und unsere Umwelt in bisher nicht dagewesener Weise zu formen.

Angesichts dieser explodierenden Bandbreite an Optionen sind viele Menschen in einen chronischen Zustand der Unsicherheit verfallen. Sie schwanken, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Sie sind im Unklaren über den Sinn ihres Lebens. Sie irren umher, ohne eine bestimmte Richtung. Milliarden von Menschen wenden sich weiterhin den Religionen zu auf der Suche nach einem Lebenszweck. Wollen wir auf unserem Weg vom Menschsein in die Posthumanität erfolgreich sein, so müssen wir klare Zielvorstellungen entwickeln. Das bedeutet, uns über unsere Ziele klarzuwerden und zu bleiben. Wenn wir nicht wissen, wohin wir gehen, kommen wir nirgendwo an. All die unglaublichen neuen Erkenntnisse und Technologien haben begrenzten Wert, wenn wir, als Individuen, uns nicht auf ein Ziel konzentrieren können.

Seit der "Lebe jetzt"-Bewegung der sechziger Jahre wird Selbstdisziplin in manchen Gegenden mißbilligt. Doch Selbstdisziplin ist eine zeitlose Tugend, weit davon entfernt, altmodisch zu sein. Sicher, vielleicht werden wir eines Tages, umgeben von superintelligenten Maschinen und Nanotechnologie, ohne viel Selbstdisziplin überleben können. Doch Erfolg, Zufriedenheit und Selbstveränderung werden in jeder technologischen oder sozialen Umgebung weiterhin Selbstkontrolle erfordern. Angesichts zunehmender technologischer Verlockungen werden wir in der Tat mehr Selbstdisziplin brauchen, um irgend etwas Sinnvolles oder Wichtiges zu erreichen. Selbstkontrolle bedeutet, unser Ziel im Auge zu behalten, damit unverträgliche Wünsche zurückzustellen sowie Ablenkungen zu widerstehen.

Selbstdisziplin erlangte ihren schlechten Ruf in manchen Fällen zu Recht: Diejenigen, die uns für ihre Zwecke und zur Befriedigung ihrer Wünsche einspannen wollen, versuchen, die Idee der Selbstdisziplin zu mißbrauchen. Sie wollen uns überzeugen, für sie zu arbeiten, indem sie unseren Widerstand dagegen als "Mangel an Selbstdisziplin" kritisieren. Um Selbstbestimmung zu erlangen, müssen wir deshalb die Selbstdisziplin mit Rationalität und Selbsterkenntnis kombinieren. In diesem Zusammenhang bedeutet Rationalität die Verpflichtung, die Welt so zu sehen, wie sie ist, nicht wie wir oder irgend jemand sie gern hätten. Speziell heißt das, uns selbst verstehen zu wollen. Selbsterkenntnis bedeutet, das Licht der Vernunft nach innen zu richten. Solange wir uns nicht selbst kennen - unsere wirklichen Wünsche, Ziele und Träume verstehen - ist unsere Selbstdisziplin fehlgerichtet. Wir zwingen uns dann entweder dazu, von anderen aufgestellte Ziele anzustreben oder solche, die wir in unserem tiefsten Innern nicht wollen oder die uns schaden könnten.

Um Selbstlenkung zu erreichen, muß die Selbstdisziplin Hand in Hand gehen mit Langzeitdenken. Natürlich bedeutet "Langzeit" etwas anderes, sobald uns die längere Lebensspanne Posthumaner zur Verfügung steht. Doch selbst in unserer heutigen, auf ein Jahrhundert begrenzten, Lebenszeit hilft Langzeitplanung, unser Leben zu gestalten und unsere Aktivitäten zu ordnen. Effektive Selbstlenkung ist schwierig, wenn wir uns nur auf die nächste Zukunft konzentrieren. Langzeitpläne und Lebensziele schaffen den Rahmen, in dem unsere näheren Ziele ihren Platz finden. Indem wir viele unserer gegenwärtigen Aktivitäten als Teil eines sich in die ferne Zukunft erstreckenden Plans sehen, fördern wir Sinn- und Zielvorstellungen. Wenn wir unsere Interessen aus dieser Perspektive im Auge behalten, können wir auch leichter den unmittelbar reizvollen Unternehmungen widerstehen, die unsere wahren Ziele untergraben. Durch das Auffassen unseres Lebens als Prozess, der sich über Jahrzehnte und länger entwickelt, bewahren wir uns Gesundheit, Wohlstand und verläßliche Beziehungen.

Zwei weitere Bestandteile der Selbstlenkung - autonome Werte und Selbstdefinition - erfordern eine ausführlichere Diskussion, als ich an dieser Stelle leisten kann. Ohne kritisches Nachdenken über Werte, ohne die Herausbildung eigener Wertvorstellungen durch einen fortgesetzten Prozess des Infragestellens, können wir nicht das Steuer unseres eigenen Lebens übernehmen. Unabhängig davon, wie stark unsere Selbstdisziplin, wie lange vorausschauend unsere Planung, wie klar unsere Zielvorstellungen auch sein mögen, werden wir scheitern, uns selbst zu lenken, wenn wir an Werten festhalten, die über Kritik erhaben sind. In dem Maße, wie wir Integrität besitzen und nach unseren Werten leben, formen diese unsere Aktivitäten und Vorgehensweisen. Wir mögen all die anderen Tugenden der Selbstlenkung besitzen und doch von Werten gelenkt sein, die wir passiv von außen übernommen haben. Wenn wir unsere Energie, Konzentration und Disziplin zur Umsetzung von Wertvorstellungen einsetzen, die wir nicht bewußt und kritisch überdacht haben, bewegen wir uns zwar vorwärts, aber in Richtungen, die uns möglicherweise beschränken oder schaden können. Vollständige Selbstlenkung erfordert die Anwendung unabhängigen Denkens auf unsere Werte. Vielleicht behalten wir schließlich die meisten unserer gegenwärtigen Wertmaßstäbe, vielleicht aber revidieren wir auch radikal unsere Ansichten von Gut und Böse, Richtig und Falsch, und wonach man streben sollte. Da unsere Wertvorstellungen einen Hauptteil unserer selbst bilden, ist volle Selbstlenkung erst möglich, nachdem wir alle unsere Anschauungen über Werte auf den Prüfstein der Vernunft gestellt haben.

Selbstdefinition - das Formen unseres Ich - ist ein Kernbegriff der extropischen Lebensanschauung. Wollen wir uns umfassend selbst bestimmen, so müssen wir unsere eigene Identität schaffen und formen. Wir legen in jedem Aspekt unseres Lebens fest, wer wir sind. Wenn wir es dem Zufall überlassen zu definieren, wer wir sind, verzichten wir auf die persönliche Determinierung unserer Natur. Selbstdefinition beinhaltet die Lenkung unserer Persönlichkeit, unseres Verhaltens, unserer Erscheinung, unserer Fähigkeiten und Fertigkeiten. Ich übertreibe hier das Ideal der Selbstdefinition etwas: Nicht jeder Aspekt unseres Lebens ist es wert, gesteuert zu werden. In weniger wichtigen Punkten unseres Lebens mögen wir uns damit zufriedengeben, daß der Zufall bestimmt, wer wir sind und was wir werden. Während selbstbestimmte Individuen sicher über ihre Werte, ihre Karriere und ihre Liebespartner entscheiden, werden sie es vielleicht dem Zufall oder den Umständen überlassen, welchem Sport oder Spiel sie nachgehen. Doch selbst dann entscheiden Selbstbestimmte bewußt, welche Aspekte ihres Lebens explizit entscheidenswert sind und welche nicht. Auf diese Weise werden selbst die Bereiche des Zufalls Teil einer größeren extropischen Selbst-Ordnung. Mit der Entwicklung neuer Techniken zur Modifikation unseres Körpers und unseres Verstandes werden sich die Wahlmöglichkeiten und der persönliche Einfluß auf unsere Identität weiter vergrößern.

SELBSTACHTUNG

Die religiösen und philosophischen Systeme der Vergangenheit und Gegenwart haben häufig die Selbstachtung untergraben. Sie reden uns ein, wir seien aufgrund der Taten unserer Vorfahren in Sünde geboren. Sie erzählen uns, daß wir Karmaschulden aus früheren Leben abzuzahlen hätten. Und daß die Menschen böse Parasiten von Mutter Erde seien. Um die psychologische Selbstbestimmung wiederzugewinnen, die wir in einer dynamischen Zukunft voller Veränderungen und Herausforderungen benötigen, müssen wir diese Ideen ersetzen. Um über uns selbst zu bestimmen, brauchen wir ein starkes Gefühl von (objektiv begründeter) Selbstachtung. Der Selbstachtungs-Psychologe Nathaniel Branden vertritt den Standpunkt, daß Selbstachtung aus zwei Komponenten besteht: Selbstwertgefühl und Selbstbewußtsein.

Selbstwertgefühl bedeutet das Gefühl, daß ich es verdiene zu leben, daß ich es wert bin zu leben und Erfolg zu haben. Wollen wir Jahrzehnte und Jahrhunderte voller Veränderung erfolgreich leben und überleben, so müssen wir religiöse Überzeugungen und elterliche Botschaften ausrotten, die unser Selbstwertgefühl unterdrücken. Nur das Selbstwertgefühl kann uns dazu motivieren, weiterzuleben und nach den Werten zu suchen, die uns glücklich und erfolgreich machen. Wenn wir uns lebensunwert fühlen, opfern wir unser Leben anderen. Oder uns fehlt die Motivation, in uns selbst und unsere Zukunft zu investieren. Während es zwar Motivation ohne Selbstachtung gibt - man kann existieren, um einem Gott oder einem Kollektiv zu dienen - bringt diese Art der Motivation Verärgerung hervor und führt nicht zu Selbsterhaltung oder persönlicher Zufriedenheit. Glaubt man, daß man Erfolg verdient hat, so wirkt die Aussicht auf eine unbegrenzte Lebensspanne voller Erfolge und Zufriedenheit anziehend. Ist man jedoch der Ansicht, daß man es nicht verdient hat zu leben und zu gedeihen, erscheinen ein langes Leben und Erfolge als Bedrohung oder Belastung.

Selbstbewußtsein bezieht sich auf eine fundamentale Überzeugung, daß man lebenskompetent ist. Selbstbestimmung bedeutet in der wirklichen Welt nur wenig ohne einen bedeutenden Anteil von Selbstbewußtsein. Während wir uns auf eine posthumane Zukunft zunehmender Wahlmöglichkeiten und Veränderung zubewegen, wird Vertrauen in sich selbst zunehmend wichtig. Wenn neue Technologien in raschem Tempo neue Industrien hervorbringen und die alten verschwinden lassen, wenn heutige Fertigkeiten morgen überholt sein werden, wenn das kulturelle Umfeld nicht statisch bleibt, dann benötigen wir das Selbstvertrauen, uns anzupassen. Schon immer hat das Leben die Fähigkeit zur Anpassung erfordert. Mit der Beschleunigung der Veränderung ergibt sich für uns nicht nur die Notwendigkeit zu lernen, sich schnell anzupassen, sondern auch, Veränderung vorherzusehen. Wir sehen, wie Technik, Ökonomie und Kultur sich ändern, und brauchen das Selbstvertrauen loszulassen, woran wir gewöhnt sind, und uns auf das vorzubereiten, was kommt. Die Stichworte lauten hier: umdenken, umlernen, neu bewerten.

Ein jeder von uns fühlt sich auf gewissen Gebieten des Lebens sicher. Man mag sich sicher fühlen, ein Computerprogramm zu schreiben. Ein anderer besitzt genug Selbstsicherheit, um auf der Bühne zu stehen. Oder Verhandlungen zu führen. Aber es mag einem an Selbstvertrauen fehlen, eine Windel zu wechseln, eine Festplatte auszutauschen oder richtig zu singen. Wir können nichts dagegen tun, daß uns auf vielen Gebieten die Kompetenz fehlt. Jedoch können wir ein festes Selbstvertrauen in Bezug auf das Leben selbst entwickeln. Selbstvertrauen bedeutet hier nicht Sicherheit auf speziellen Gebieten, sondern eine fundamentale Überzeugung, lebenskompetent zu sein. Mir mag eine Fähigkeit oder Fertigkeit fehlen, die ich bräuchte, um einen bestimmten Job zu bekommen oder eine Beziehungskrise zu lösen, doch ich vertraue darauf, daß ich diese Fähigkeiten erwerben kann. Ich fühle sicher, daß ich mir eine Lösung ausdenken kann oder eine existierende Lösung oder jemanden finde, der mir einen guten Rat gibt. Wir alle kennen Menschen aus beiden Enden des Spektrums des Selbstbewußtseins. Wenn es darum geht, eine neue Fähigkeit zu erlernen, werden manche klagen, zittern oder zurückweichen, während andere lächeln, die Hände reiben und einfach loslegen.

Selbstbestimmte Menschen erwarten nicht, daß ihre Zukunft von anderen geschaffen wird, seinen es Götter, Regierungen oder Gurus. Sie strahlen Selbstvertrauen in ihre eigene Fähigkeit aus, die gewünschte Zukunft selbst zu schaffen. Das Selbstbewußtsein führt zu Beharrlichkeit, da es uns befähigt, auch im Angesicht von Widerstand und Rückschlägen nicht aufzugeben. Durch Selbstvertrauen erhalten wir unsere Anstrengungen solange aufrecht, bis wir schließlich alle Hindernisse überwunden haben. Das Selbstwertgefühl bildet im Verbund mit Selbstvertrauen den Kern der Selbstachtung. Wenn Selbstachtung unsere Persönlichkeit erfüllt, können wir wirkungsvoll und zuversichtlich jede Herausforderung angehen. Die Zukunft mit all ihren Unbekannten erscheint uns als offenes Feld voll von großartigen Möglichkeiten, nicht als riesiger Teich, in dem es vor Gefahren wimmelt.

RESPEKT FÜR ANDERE

Während unserer rebellischen Jugend sahen wir all die Dummheit in der Welt und dachten, wir könnten es besser machen. Vielleicht haben wir autoritäre Figuren ausgelacht oder zurückgewiesen oder kritisiert. Jeder intellektuell leidenschaftliche Jugendliche sucht sich eine Weltanschauung zu bilden, die besser ist als die offenbar fehlerhaften um ihn herum. Als rebellische und zweifelnde Jugendliche fanden wir den Begriff "Respekt" vielleicht verdächtig. Vielleicht tun wir das sogar immer noch. Ich erinnere mich an die Kommentare eines enthusiastischen Teenagers auf der Email-Liste bezüglich der von den Extropianern dargelegten Ideen. Als die Sprache auf das Thema Respekt kam, stürzte er sich auf dieses Wort, verwarf die Idee und meinte, dies sei eine schlechte Sache und eines unabhängigen Denkers unangemessen.

In einer bestimmten Bedeutung verwandt - wie das in der Vergangenheit allgemein getan wurde - kann "Respekt" tatsächlich auf Verhalten schließen lassen, das unpassend für eine selbstgelenkte, frei denkende Person ist. Dies ist jedoch nicht die Art von Respekt, für die ich eintrete. Sie ist von der Art der Ermahnungen, "Respekt vor Älteren" zu haben ohne Rücksicht auf den Zusammenhang. Welche Älteren? Warum sollte man sie respektieren? Sie respektieren unabhängig davon, was sie sagen oder tun? Respekt wird schädlich, wenn er pauschale Akzeptanz der Taten und Ansichten anderer und Selbsterniedrigung voraussetzt. Wenn Respekt bedeutet, den Einschätzungen anderer zuzustimmen und dabei den Wert der eigenen Beurteilung zu verleugnen, so untergräbt er die kognitive und ethische Selbstbestimmung.

Respekt für andere, wie ich ihn verstehe, bedeutet nicht Achtung für angesehene Personen ohne Rücksicht darauf, was wir von ihnen halten. Diese Art von Respekt ist eng mit den Kulturen der Vergangenheit verwoben. Frauen respektierten Männer, Diener respektierten Feudalherren, Gemeine respektierten Adlige, Sklaven ihre Herren - und wehe, wenn nicht!

Welche Art von Respekt für andere hilft uns dabei, posthuman zu werden? Wie kann Respekt für andere Selbstachtung, Selbstwertgefühl und Selbstbestimmung ergänzen? Der Respekt für andere folgt aus der Beobachtung, daß Selbstbestimmung, Selbstlenkung, persönliche Freiheit und Verantwortung nicht nur gut für uns selbst sind, sondern auch für andere. Er basiert auf der Einsicht, daß das Anerkennen der Leistungen und Möglichkeiten anderer Vorteile bringt.

Rationaler Respekt muß den Zusammenhang berücksichtigen: es wäre dumm von uns, jemandem absoluten Respekt unabhängig seiner gezeigten Leistungen entgegenzubringen. Es mag sich herausstellen, daß manche Individuen überhaupt keinen oder, wahrscheinlicher, nur auf sehr enge Gebiete begrenzten Respekt verdienen. Unsere Vorurteile bringen uns manchmal dazu, einer Person den Respekt zu verweigern, bevor wir überhaupt irgend etwas Signifikantes über sie erfahren haben. Vielleicht wissen wir, daß Jerry politische Ansichten vertritt, die wir abstoßend finden. Wir mögen so jede Achtung vor ihm verlieren. Doch eigentlich sollten wir unseren Respekt nicht zu übereilt oder umfassend zurücknehmen. Möglicherweise stellt sich bei näherer Bekanntschaft heraus, daß Jerry viele positive Eigenschaften besitzt, und daß seine politischen Ansichten zwar falsch sind, aber doch keinen fatalen, unabänderlichen moralischen Irrtum darstellen.

Respekt ist dann rational, wenn er die Realität anerkennt und sich auf unsere eigenen Interessen bezieht. Dieser Realitätsbezug erklärt, warum Respekt kontextabhängig sein sollte. Wenn unser Gefühl oder unser Ausdruck von Respekt sich nicht ändern, sobald sich herausstellt, daß die Gründe für diesen Respekt sich geändert haben, dann verschließen wir uns vor der realen Welt. Wir müssen erkennen, daß die Rationalität auch gebietet, eine gewisse anfängliche Achtung auf Unbekannte auszudehnen wie auch ein Minimum an Respekt zu bewahren, selbst wenn Verhalten oder Charakter anderer Personen zu wünschen übrig lassen. Warum ist das so?

Realitätssinn bedeutet, Dinge und Menschen entsprechend ihrer Unterschiede in der Wirklichkeit unterschiedlich zu behandeln. Wir treten nebenbei gegen einen Stein oder pflücken eine Blume, aber wir fügen einem Tier nur mit gutem Grund Schmerzen zu und töten Menschen nur in Extremsituationen. Anfängliche und grundlegende Achtung für andere, die wir vielleicht nicht kennen, resultiert aus der Erkenntnis, daß auch sie intelligente, fühlende, kompetente Wesen sind. Gesunde Menschen verstehen dies, während Psychopathen Personen wie Nichtmenschen behandeln. Wenn wir die Natur des Menschen im Auge behalten, werden wir jemandem nicht allen Respekt verweigern oder entziehen nur auf Grund einer bestimmten Verfehlung, Unstimmigkeit oder oberflächlichen Andersartigkeit der Kultur, des Glaubens, des Geschlechts oder der Rasse. Emotional und intellektuell fortgeschrittene Menschen - solche auf dem Weg zu psychologischer Posthumanität - besitzen verfeinerte emotionale Reaktionen. Ihr Blick durchdringt den emotionalen Nebel der Wahrnehmung und hält so Meinungsunterschiede und Abneigungen im richtigen Verhältnis. Sie werden auch weiterhin die grundlegende Natur, die Fähigkeiten und Möglichkeiten erkennen, schätzen und respektieren.

Jemand, der durch und durch Rationalist ist, wird verständlicherweise fragen: Sicher kann ich Personen als intelligente, fühlende, selbstbestimmte Wesen ansehen und anerkennen und das trotzdem ignorieren, wenn es meinen Interessen im Wege steht? Die Unfähigkeit, die Natur anderer Personen anzuerkennen, mag psychopathisch sein, aber ist es nicht sinnvoll, ihr Wesen zwar zu erkennen und doch zu ignorieren, wenn mir dies zum Vorteil gereicht?

Die Frage ist korrekt gestellt, denn seit Hume haben Philosophen darauf hingewiesen, daß man kein "sollte" aus einem "ist" ableiten kann. D.h., die Tatsache, daß die Dinge so stehen, wie sie sind (Personen haben ein bestimmte Wesensmerkmale), beweist an sich nicht, daß wir sie auf eine bestimmte Art behandeln sollten. Da eine ausführliche Antwort auf diese Frage einen längeren Exkurs in die Psychologie erfordern würde, ist meine kurze Antwort darauf, daß der achtungsvolle Umgang mit anderen rational ist, da das Erkennen des Wesens anderer uns zum Vorteil gereicht. Wir behandeln andere mit Respekt, weil wir unser Leben optimal führen wollen. Indem wir andere mit Respekt behandeln, helfen wir, eine Kultur der Achtung zu fördern, und erzeugen wiederum Achtung. Andere Menschen, selbst diejenigen, mit denen wir Meinungsverschiedenheiten haben, sind potentiell wohlwollend. Zollen wir soviel Respekt, wie mit dem Schutz unserer Interessen vereinbar ist, so maximieren wir Zusammenarbeit und gegenseitige Güte. Wir sind in besserer Position, von der Sachkenntnis des anderen zu profitieren, während wir Unterschiede in die richtige Perspektive setzen.

Wie sollen wir vorgehen, wenn wir die physische, emotionale und intellektuelle Selbstbestimmung anderer respektieren wollen? Die meisten von uns wissen dies, auch wenn wir nicht immer so handeln. Deshalb möchte ich nur kurz andeuten, daß die Förderung einer extropischen Kultur der Achtung Höflichkeit, Einfühlsamkeit, Großzügigkeit, effektive Kommunikation, Ehrlichkeit und das Recht anderer auf Leben, Freiheit und Glück umfassen sollte und die Behandlung anderer als bloßes Mittel zur Erreichung unserer Ziele ausschließt. Höflichkeit, Einfühlsamkeit und Großzügigkeit zusammen ergeben Wohlwollen. Höflichkeit macht den täglichen Diskurs reibungsfreier und hilft uns, anderen zuzuhören und sich an ihnen zu erfreuen. Sie ist eine der altmodischen Tugenden, deren Verlust selbst ein extropianischer Futurist beklagenswert finden kann. Einfühlsamkeit bedeutet nicht dümmliche, vertrauensselige emotionale Schwärmerei, sondern ein waches Bewußtsein für die Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche anderer. Großzügigkeit meint nicht die Pflicht, an jedermann auszuteilen, sondern eine freiwillige Bereitschaft zur Hilfe, wenn diese angebracht und vernünftig ist, sowie Freude am Wohlergehen anderer.

Effektive Kommunikation überschneidet sich mit den Komponenten des Wohlwollens. Um unsere Ideen und Wünsche anderen effektiv mitzuteilen und zu erfahren, was diese von uns wollen, müssen wir Sensibilität für ihre Worte und ihre Körpersprache erwerben. Achtungsvolle Kommunikation bedeutet, wirklich hinzuhören. Nicht nur abzuwarten, bis der andere fertig ist, um die eigene Meinung kundzutun. Dazu gehört, das Wertvolle in dem zu suchen, was der andere sagt, anstatt sich an seinen Schwachpunkten und der schlechten Ausdrucksweise festzubeißen. Es bedeutet, die Kommunikation als Lernerfahrung anzugehen, nicht als Kampf, Punktemachen oder Beherrschung.

Die effektive Kommunikation im speziellen und Respekt allgemein erfordern einen hohen Grad an Ehrlichkeit. Anders als absolutistische Moralphilosophen wie Kant sehe ich das Aussprechen der Wahrheit und die Ehrlichkeit nicht als eiserne Gesetze, die niemals verletzt werden dürfen. Lüge, Täuschung und Unehrlichkeit haben ihren Platz, auch wenn sie im allgemeinen einem gesunden, auf Langzeitdenken basierenden Leben eher abträglich sind. Sie sind generell auf den Selbstschutz begrenzt in Situationen, wo Unwahrheit als legitimes Mittel zum Schutz vor unberechtigter Gewalt durch andere gilt. Ehrlich mit anderen umzugehen bedeutet anzuerkennen, daß diese ihre eigenen Interessen, Ziele und Wünsche haben. Es bedeutet, mit ihnen durch freiwilligen Austausch echter Werte zu verkehren anstatt durch Täuschung, Betrug und List. Ehrlichkeit gestattet uns, alle Energie dem Schaffen und Erreichen zu widmen, nicht dem Erfinden und Aufrechterhalten der falschen Realität, die auf Lügen gebaut ist.

Im Grunde bedeutet Respekt für andere, ihre Rechte zu respektieren. Ich meine hier nicht all die heutzutage eingeforderten Rechte, wie z.B. das Recht, andere zu zwingen, für uns zu sorgen, uns zu subventionieren oder sich zu verhalten, wie wir es wollen. Ich meine das Recht auf Leben, Privateigentum und freien Austausch. Obwohl äußerst wichtig für die Achtung anderer, kann das Anerkennen ihrer Rechte noch nicht alles sein. Das bloße Abstandnehmen von der Verletzung der Rechte reicht nicht aus, um eine starke Kultur der Achtung und Selbstbestimmung zu errichten und zu erhalten. Wie ich oben dargelegt habe, beinhaltet rationaler Respekt mehr als nur ein "Hände weg". Er erfordert von uns eine Reihe von Tugenden und eine große Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit anderer. Im Gegenzug kann uns die Achtung persönliche Beziehungen und eine Kultur liefern, die unserem eigenen Leben und Wohlergehen zuträglich sind. Der Respekt für andere wird auch in der Zukunft für uns den Stellenwert einnehmen, den er in der Vergangenheit hatte. Der Hauptunterschied ist der, daß eine extropische Kultur am besten mit einem rationalen, kontextbezogenen Respekt gedeihen kann, nicht mit traditionellem, unangezweifeltem, blindem Respekt.

Genauso, wie Freiheit ohne Verantwort Zügellosigkeit bedeutet, ist Selbstbestimmung ohne Achtung für andere pubertär und dominant. Wenn wir die Selbstbestimmung anderer nicht anerkennen, wie können wir dann erwarten, daß diese bei uns selbst anerkannt und respektiert wird? Extropianer wollen weder über andere herrschen noch von ihnen beherrscht werden. Das Ideal besteht in einer Kultur selbstbestimmter Individuen, die ihre Selbstbestimmung gegenseitig anerkennen und zu würdigen wissen.

ZUSAMMENFASSUNG

Die Menschheit ist noch nicht erwachsen. In unterschiedlichem Grad, der von unserer kulturellen und individuellen Entwicklung abhängt, widersetzen wir uns immer noch umfassender Selbstbestimmung. Manchmal denken wir unabhängig; zu anderen Zeiten ignorieren wir die Souveränität unseres eigenen Verstandes und respektieren leichtfertig den Verstand anderer. Wir behaupten, nach individueller Freiheit zu streben, unterstützen aber politische und ökonomische Systeme, die durch Zwang und Zentralisierung gekennzeichnet sind. Wir reagieren positiv auf die Idee der persönlichen Verantwortung, ignorieren sie aber, wenn sie unpassend oder schwierig erscheint. Wir bestätigen die Selbstlenkung als ein erstrebenswertes, modernes Ideal, lassen uns aber oft gehen oder geben äußeren Kräften nach. Abgesehen von denen, die an eine Ursünde glauben, erkennen wir den Wert der Selbstachtung, doch so viele von uns besitzen zuwenig davon. Wir huldigen mit Worten der Idee von der Achtung für andere, doch wir vergessen oft, was dies beinhaltet.

Während unsere Technologie in immer schnellerem Maße reift, müssen wir psychologisch Schritt halten. Wenn die Lücke zwischen technischem und psychologischem Fortschritt zu groß wird, drohen Gefahren für unseren Wohlstand. Posthuman zu werden erfordert die Koevolution von Technik und menschlicher Natur. Nur wenn technologische Verbesserungen von psychologischer Reife begleitet werden, können wir sicher sein, daß Posthumane in der zukünftigen Welt leben und gedeihen werden wie niemals zuvor. Durch die Unterstützung extropischer Kultur werden wir einen Kernaspekt der Posthumanität fördern, der von größter Bedeutung ist.

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DANKSAGUNG

Mein Dank für Anmerkungen gilt Gregory Burch, Wade Cherrington und Peter Voss.

Aus dem Amerikanischen übertragen von Frank Prengel.

Der Originaltext findet sich hier.