Zur Zeit erhöht sich die statistische Lebenserwartung jedes Jahr um etwa drei Monate. Intuitiv würde man vielleicht erwarten, dass es für das erreichbare Alter, so etwas wie eine natürliche (da ist es wieder, dieses gefährliche Wort) Obergrenze gibt und dass sich die Lebenserwartung immer weniger stark verlängert. Das Datenmaterial sagt jedoch etwas anderes: die Zunahme ist ungebrochen linear.
Es gibt auch keine ‚innere Uhr', die irgendwann abläuft und uns eine Obergrenze setzen würde. Dass eine solche nicht existieren kann, erkennt man auch aus der Überlegung, dass in der Steinzeit die Lebenserwartung durch Hungersnöte, Raubtiere und Unfälle auf vielleicht 20 Jahre beschränkt war. Gäbe es ein genetisches Programm (oder eben diese innere Uhr), wäre es schon lange wegmutiert worden, da es keinen Selektionsdruck gibt für etwas, was erst sehr spät nach Fortpflanzung und durchschnittl. Lebenserwartung wirksam würde.
Wir haben im Labor bereits massive Durchbrüche in der Lebensverlängerung mit Modellorganismen erreicht. Dass dies irgendwann auch für den Menschen möglich sein wird, ist immer unbestrittener. Das erste, umfassende Programm, wie dem Alterungsprozess dauerhaft Einhalt geboten werden kann, wurde vom britischen Forscher Dr. Aubrey de Grey formuliert (siehe Links). Es gibt lediglich sieben Kategorien von Schäden, die im Alter entstehen und das durchbrechende neue an Dr. de Greys Ansatz ist, dass er die Alterungsproblematik aus Sicht eines Ingenieurs angeht.
Sein SENS-Programm (Strategies for engineered negligible senescence, etwa: techn. Strategien zur Seneszenz-Minimierung) versucht nicht, den bestehenden Stoffwechsel zu optimieren, da dieser ein enorm komplexes Netz von Wechselwirkungen darstellt. Leider ist das jedoch der weltweit verbreitetste Ansatz. Die meisten Forscher wiederholen denn auch das Mantra "Wir wissen noch lange nicht genug, um eingreifen zu können." Beschränkt man sich darauf, den entstandenen Schaden zu reparieren, muss man jedoch nicht alle Ätiologien aller Krankheiten verstanden haben, um handeln zu können. Auf der Homepage seiner Stiftung (www.mfoundation.org) geht Dr. de Grey auch ausführlich auf die vielen psychologischen Abwehrreaktionen ein, die wir Menschen uns gegen den Wunsch länger zu leben zurechtgelegt haben, um mit der Unabwendbarkeit des Todes fertig zu werden (z.B. "Das darf nicht sein!". Oder "Es würde uns bestimmt unendlich langweilig werden!". Oder "Lasst uns zuerst gute Menschen werden!" Oder "Das ginge wirtschaftlich (Überbevölkerung), ökologisch etc. gar nicht!")
Patrick Burgermeister