Roman
Wilhelm Heyne Verlag, München 2006 559 Seiten € 8.95
"Der Posthumanismus bietet Unbeständigkeit und Freiheit und fordert den metaphysischen Wagemut, in Gedanken eine ganz neue Welt zu erschaffen." Dies lässt Bruce Sterling in seiner Kurzgeschichte "Zikadenkönigin" aus dem Jahr 1983 eine seiner Figuren sagen. Neben der Hard SF liegen im Cyberpunk die Ursprünge für eine neue Richtung, die sich in der SF abzuzeichnen beginnt und die man als posthumanistische SF oder Technostream umschreiben kann. Ihr Credo ist, dass sich eine wahre Flut von neuen Technologien alsbald in die irdische Kultur ergießen, alle Lebensverhältnisse von Grund auf umwälzen und in den Zustand ihrer weitestgehenden Manipulierbarkeit überführen wird. Im Kern steht die Darstellung einer "technologischen Singularität", einer umfassenden, durch Künstliche Intelligenz bedingten Umgestaltung der Umwelt. Weitere Vorläufer dieses Subgenres sind zum Beispiel Greg Bears eindrucksvoller Roman "Blutmusik" (1985) und Greg Egans Werk "Diaspora" (1997). "Accelerando" von Charles Stross ist ein aktueller Höhepunkt dieses neuen Ansatzes, der das Bild der SF in naher Zukunft bestimmen wird.
Es ist klar, dass ein solches Konzept in der SF-community auf Widerstand stoßen muss. Marcus Hammerschmitt sieht in Stross´ Buch nur "ein Kasperletheater des cyberlibertären Posthumanismus". Ob das Buch in jeder Hinsicht gelungen ist, kann man gesondert diskutieren – ernst zu nehmen ist es auf jeden Fall. Stross stellt sich einem Meta-Problem, das auf die SF zukommt und das in der zunehmenden Beschleunigung von technischen Entwicklungen und ihren kulturellen Nebeneffekten liegt. In der Einleitung zu seiner Storysammlung "Toast" (2004) schreibt er: "Change destroys science fictional futures. And an accelerating rate of change destroys futures even faster." Der Fortschritt in den Technowissenschaften liefert eine unübersehbare Menge an neuem Material, das in neuen Zukunftsszenarien verarbeitet werden oder zur Überarbeitung bestehender SF-Konzepte dienen kann. Die Dichte an Einfällen in "Accelerando" ist entsprechend hoch und weist Stross als versierten Ideenautor aus. Fast hat man den Eindruck, Stross hatte beim Schreiben die Bücher des Ingenieurs und Sachbuchautors Ray Kurzweil offen auf seinem Arbeitstisch liegen. Aber Stross ist sich nicht sicher, was die Bewertung seines Szenarios angeht: in einem früheren Interview aus dem Jahr 2003 schätzte er die dem Buch zugrundeliegenden Stories als "optimistisch" ein; in einem Gespräch mit dem deutschen Magazin phantastisch! (Ausgabe 25, 2007) sagt er, dass es sich um "eine warnende Geschichte" handelt.
Allein die Veränderungen, die Stross der Welt schon in den nächsten hundert Jahren zumutet, sind gigantisch. Schon 2030 wird der überwiegende Teil des "planetaren Denkpotenzials" künstlich erschaffen. Ähnlich wie Ray Kurzweil rechnet Stross mit einer exponentiellen Steigerung der technologischen Entwicklung in verschiedenen Bereichen (zumindest akzeptiert er sie als Annahme für das Buch), auch wenn er an einer Stelle eine Spitze gegen dessen Technikoptimismus formuliert: "Nicht alles ist Friede, Freude, Eierkuchen in der Ära ausgereifter Nanotechnologie. Die weit verbreitete Erweiterung der Intelligenz führt nicht unbedingt dazu, dass sich die Menschheit auch rationaler verhält."
Viele Ausbrüche von "grey goo", von unkontrollierbaren Nanomaschinen sind zu vermelden, die mit Kraftstoff-Luft-Gemischen bombardiert werden. Die WHO plant ein planetenweites Abwehrsystem gegen diese (übrigens eine tatsächliche Idee von Kurzweil). Für das Jahr 2050 konstatiert Stross: "In den vergangenen zehn Jahren ist der technologische Wandel schneller vorangeschritten als in der ganzen früheren Geschichte der Menschheit zusammengenommen. Aber auch die Anzahl unvorhergesehener Katastrophen macht ein Vielfaches der bisherigen Unglücksfälle in der menschlichen Geschichte aus." Auf der Erde kommt es zu einer nicht näher beschriebenen Wirtschaftskatastrophe. Der Autor formuliert allgemein, dass konstante Elemente sich in variable verwandeln. Es käme zu Revolutionen, Kriegen und feineren "modernen Pendants" (letztere führt Stross leider nicht weiter aus). Der Kapitalismus bricht schließlich zusammen, um einem für unveränderte menschliche Gehirne unbegreifbaren posthumanen Wirtschaftssystem 2.0 Platz zu machen.
Stross ist ein brillanter Erfinder von technischen Visionen. Uploads von toten Personen existieren, die sich in Gestalt sogenannter "Borganismen" über eine Gruppe von Individuen verteilen können. 3D-Drucker werden erwähnt, die nach dem Prinzip einer aus Atomen aufgebauten Holographie arbeiten und damit die umständliche Nanotechnologie verdrängen.
Das Raumschiff Field Circus, mit dem ein Teil der Figuren auf Reisen geht, hat die Größe einer Cola-Dose und steckt voller Nanocomputer, auf denen die Neurosimulationen der heraufgeladenen Gehirne laufen (eher amüsant, dass Stross ausgerechnet solche Uploads über Sinn und Unsinn des Singularitätskonzepts streiten lässt). Allein mit dieser Idee hat Stross einen Beitrag zur Reformulierung des Raumfahrtkonzepts geleistet. Überall in der Luft sind Zusammenballungen von Nanoteilchen präsent, Utility Fog, die auf der Erde schon mal die Größe von Zyklonen überschreiten können. Gesteuert von Künstlicher Intelligenz, wird alle auffindbare unintelligente Materie in Computronium umgewandelt. Raumfahrstühle befördern die Materie der Erde in eine Umlaufbahn, von wo aus diese weggeschleudert wird. Die Informationsdichte dieses Stoffes nähert sich 2080 einem Bit pro Atom. "Während die Kinder dieser Zeit, die nur noch aus Verstand bestehen, dabei sind, alles mit Hilfe unersättlicher nanomechanischer Helfer umzustrukturieren, erwacht die unintelligente Materie zum Leben. Die geballten Gedanken, die sich derzeit im Sonnenorbit herausbilden, werden letztendlich zum Sargnagel jeder auf Biologie basierenden Ökologie werden." Das Sonnensystem wird für alle Wesen aus dem meatspace zu einem ungemütlichen Ort; im Jahr 2100 ist alle Materie transformiert und die verbliebenen Menschen zur Emigration gezwungen. In den letzten Kapiteln des Buches bezeichnet Stross die KI-Nachfahren nur noch als "missratenen Nachwuchs". So nebenbei liefert Stross eine neue Interpretation des noch jungen Themas der Singularität in der SF. Er sieht sie als Endpunkt der Intelligenz-Entwicklung auf einem mit Leben ausgestatteten Planeten, und da sie alle Ressourcen ihres Ursprungsortes verbrauchen wird mit der Zeit, werde sie automatisch zur Gefahr für die biologisch-intelligenten Vorfahren. Das Problem seien die fehlenden Bandbreiten, um das Denkpotenzial der Singularität schnell genug in andere kosmische Raumregionen zu transferieren. Nur wenige interstellare Superzivilisationen hätten dieses Problem in den Griff bekommen. "Weiter entfernt hämmern Intelligenzen in der Größe von Galaxien mit unbegreiflichen Rhythmen gegen die Dunkelheit des Vakuums an. Auf diese Weise versuchen sie, das Planck´sche Substrat auf ihre Wünsche abzustimmen." Ohne Zweifel erfährt die Strömung der posthumanistischen SF bei Stross ihren zeitgemäßen Ausdruck. Er bietet eine informationsgeladene SF, die dem Leser das Gefühl gibt, dass nichts mehr so bleibt wie es mal war.
Hammerschmitt hat gelästert, dass das Buch " von einem Nerd für Nerds" geschrieben sei. Die Hauptfigur, Manfred Macx, ist zu Beginn des Romans ein freiberuflichen Info-Broker in den Dreißigern, der seine sprudelnden Geistesblitze ("noch vor dem Frühstück drei neue, alternative Paradigmen") patentieren lässt für die "Free Intellect Foundation" und lebt von den Gefälligkeiten derjenigen, die von seinen Ideen profitieren – sicher der Traum mancher IT-Geeks. Die Foundation, für die er arbeitet, ist "eine inoffizielle Tochter von George Soros und Richard Stallman" (Stallman ist für Eingeweihte der Begründer der Idee freier Software). Macx befindet sich – zum Gaudi mancher Leser – im Kleinkrieg mit den mafiösen Abgesandten der vor dem Untergang stehenden amerikanischen Unterhaltungsindustrie, die auf die Beibehaltung des geistigen Eigentums pocht und ihrer Forderung mit Waffengewalt Nachdruck verschafft. Stross hat die Wirbel um die Internet-Ökonomie Ende der neunziger Jahre selbst als Programmierer miterlebt, und davon findet sich einiges in dem Buch wieder. Das ominöse Wirtschaftssystem 2.0 der Posthumanen erinnert von seiner Wirkung her an die fehlende Einsichtigkeit der hochspekulativen Internet-Ökonomie. Man kann sich schon fragen, warum in hundert Jahren immer noch Begriffe aus der heutigen Internet-Technik wie "Router", "Handshake" und "Trojaner" benutzt werden und immer noch galaktische root domain-server "angepingt" werden müssen – das wirkt wie ein Zugeständnis an die Nerds und bleibt der Jetztzeit verhaftet. Auch für etwas schlichte Insider-Gags ist sich Stross nicht zu schade. Microsoft wird in einigen Jahrzehnten abgewickelt. Die Neuankömmlinge auf der Ballon-Welt des Saturn erhalten neben dem Hinweis auf das Verbot von selbständig sich reproduzierenden Replikatoren und von aggressivem Borganismus auch den Ratschlag, nicht auf die Nigeria-Connection reinzufallen – ein Fingerzeig auf ein bekanntes Phänomen der heutigen Zeit. Kurz gefasst, hat man bei der Lektüre an der ein oder anderen Stelle das Gefühl, eine new economy im Weltall zu erleben, was nicht immer Sinn macht.
Was die Lesbarkeit des Romans erschwert, ist der episodenhafte Charakter des Buches, hervorgegangen aus einer Reihe von Kurzgeschichten – es franst gegen Ende doch merklich aus, sodass die Konzentrationsfähigkeit des Lesers auf eine Probe gestellt wird. Am Anfang nimmt ein neuronales Netzwerk Kontakt mit Manfred Macx in Amsterdam per Handy auf.
Diese KI, fundiert mit dem kartierten Nervensystem von Stachelhummern, steht im Dienst des KGB, und will von Macx weitervermittelt werden. Das Leitmotiv der Handlung stellt eine außerirdische Botschaft dar, die Aineko, als Haustier von Macx eine KI auf Katzenbasis, entschlüsseln kann. Um dieses Ereignis gruppieren sich die Erlebnisse der Familie von Macs, die sich über drei Generationen fortsetzt. Seine Tochter Amber wird als virtuelle Kopie an Bord der Field Circus mithilfe Ainekos einen Alien-Router finden und den Port öffnen. Der first contact wird zu einer Enttäuschung, man hat es mit profanen Wegelagerern zu tun – eine zynische Variante dieses altbekannten SF-Themas. Aineko und ein freundlich eingestellter Alien-Parasit werden die Crew aus ihrer misslichen Lage befreien. Das Router-Netzwerk aber, das von seinen eigentlichen Konstrukteuren zurück gelassen wurde, wird zum Fluchtweg vor den Auswirkungen der Singularität im Sonnensystem. Im 23. Jahrhundert lebt die Menschen als halbtranszendente Wesen, die bei Bedarf ihre Form wechseln und zwischen realer und virtueller Existenz umschalten können, über hundert Lichtjahre in der Galaxis verteilt. Wer sich übrigens fragt, warum ausgerechnet Hummer an der Wiege der KI stehen. Zum einen wird in dem Sachbuch "The singularity is near" von Ray Kurzweil ein wissenschaftliches Projekt an der Universität von San Diego erwähnt, bei dem künstliche Neuronen mit denen von Hummern verbunden worden sind. Und in Sterlings short story sind Lobster die Namen für die Aliens.
Rezensiert von Wolfgang Neuhaus
erschienen in: Wolfgang Jeschke / Sascha Mamczak (Hg.): Das Science Fiction Jahr 2007, Heyne Verlag, München 2007