Björn Lomborg
Ein Interview mit Julian Simon, das Björn Lomborg während eines USA-Aufenthaltes las, gab den Anstoß: Darin äußerte Simon wie schon in seinem Buch "The Ultimate Resource" die Behauptung, dass nahezu alles, was wir über die Umwelt zu wissen glauben, auf Mythen und Meinungen beruhen, die von den Fakten nicht gestützt wird. Zurück in Dänemark begann der Statistikprofessor, der nach eigenen Aussagen Greenpeace-Mitglied ist, seine eigenen Recherchen. Im Jahre 1998 publizierte Björn Lomborg schließlich vier längere Artikel in einer großen dänischen Tageszeitung, die eine aufgeregte Diskussion in dem traditionell öko-freundlichen Land entfachte und die Grundlage für sein 2001 erschienenes Buch "Apocalypse No!" bildeten, das auch hierzulande erhebliches Aufsehen erregte.
Das Buch gliedert sich in sechs Teile, die jeweils unterschiedlichen Aspekten der Umweltzerstörung und den klassischen Ängsten vor Überbevölkerung, Unternährung und Armut gewidmet sind. Die Kapitel ähneln sich: Zunächst präsentiert der Autor ausgesuchte Zitate engagierter Umweltschutzaktivisten und stellt sie statistischen Daten gegenüber, die die zitierten Prognosen oder Behauptungen nicht stützen oder gegenläufige Trends ausmachen. Mitunter entlarvt Lomborg dabei auch statistische Fehler, etwa, wenn ein kurzfristiger Anstieg des Weizen-Weltmarktpreises als Indikator für eine kommende Hungersnot interpretiert wird, obwohl die Weltmarktpreise seit Jahrzehnten rückläufig sind. Alle im Buch präsentierten Indikatoren zeigen überaus erfreuliche Entwicklungen an: Eine weltweit verbesserte Nahrungsmittelversorgung, stabile Waldflächen in den letzten 50 Jahren (also kein Waldsterben), steigende Erdölvorräte, aber auch sinkende Kosten der Solar- und Windenergie, steigende Lebenserwartung und rückläufige Luft- und Wasserverschmutzung. Ein echtes Glanzlicht des Buchs ist das umfangreiche Kapitel über den Treibhauseffekt: Lomborg präsentiert hier eine umfangreiche, aber übersichtliche Zusammenstellung von Mess- und Simulations-Daten rund um den viel beschworenen Treibhauseffekt. Er diskutiert die Berichte des International Panel of Climate Exchange (IPCC), entlarvt die Furcht vor Wetterextremen als unbegründet und stellt eine volkswirtschaftliche Analyse von CO2-Emmissionsbeschränkungen vor. Björn Lomborg gehört wohlgemerkt zu den Kritikern des Kyoto-Protokolls.
Überhaupt glänzt das Buch mit vielen Detailinformationen, die bekannte Weisheiten plötzlich in einem anderen Licht erscheinen lassen. Eine solche ist z. B. die wachsende Schere zwischen armen und reichen Ländern. Festgemacht wird diese am "Gini-Index", der das Verhältnis des BIP pro Kopf zwischen den reichsten und ärmsten Ländern misst. Diese Quote ist seit den 1960er Jahren von 30:1, über 61:1 im Jahre 1991, auf 78:1 im Jahre 1994 gestiegen und belegt scheinbar eine unheilvolle Entwicklung. Allerdings wurden die BIPs der armen Länder nach den jeweiligen Wechselkursen in US-Dollar umgerechnet ohne die Zahlen von der Inflation zu bereinigen. Die Entwicklung des KKP-Index (Kaufkraft-Paritäts-Index), der die schleichende Inflation berücksichtigt, weist dagegen einen positiven Trend auf: Das durchschnittliche Einkommens-Verhältnis zwischen reichen und armen Ländern (gemessen in KKP-Dollar) ist demnach von 7:1 in den 1960er Jahren auf knapp 6:1 im Jahre 1992 gesunken und wird nach verschiedenen Prognosen des IPCC auf einen Wert zwischen 3:1 und 1,4:1 im Jahre 2100 fallen.
Für Jemanden, der bereits Julian Simons Buch „The Ultimate Resource“ gelesen hat, bietet das Buch nicht viel Neues außer aktualisierten Daten und Informationen über den Treibhauseffekt. Lomborgs Buch nähert sich inhaltlich zwar diesem Klassiker der 1980er Jahre an, arbeitet aber die Faktenbasis nicht in ein theoretisches Gesamtkonzept ein. Als liberaler Ökonom erarbeitete Julian Simon zum Beispiel, warum es in einer Marktwirtschaft zu keiner plötzlichen Ressourcen-Erschöpfung kommen kann, und wie sich eine hohe Bevölkerungszahl langfristig positiv auf das Wirtschaftswachstum auswirkt. Als Philanthrop kritisiert Simon die Ethik radikaler Umweltschützer, die den Mensch eher als Virus begreifen, den die Erde befallen hat. Lomborg beschränkt sich hier auf eine Faktendarstellung und versucht, ideologische Auseinandersetzungen zu vermeiden. Dies ist zugleich ein Vorteil und Mangel seines Buchs.
Björn Lomborg betont nachdrücklich die Notwendigkeit umweltpolitischer Steuerungsmaßnahmen, fordert jedoch von der Politik, dass sie in Zukunft bessere Kosten-Nutzen-Analysen anstellt: Ein Verbot von Pestiziden z.B. würde, wie Lomborg überzeugend darlegt, erhebliche Kosten verursachen, aber kaum Menschenleben retten, weil die Zahl krebsbedingter Todesfälle durch Pestizide in Nahrungsmitteln entgegen dem Mythos verschwindend gering ist. Das gleiche Geld könnte die Lebensbedingungen von sehr viel mehr Menschen verbessern, wenn es zur Bekämpfung der Armut eingesetzt würde, ein Ergebnis, auf das Lomborg immer wieder kommt.
Fazit: „Apocalypse No!“ ist ein gut recherchiertes Buch, das jedem ans Herz gelegt sei, der sich für die wirkliche Lage der Welt interessiert. Im Gegensatz zu Julian Simons „Ultimate Resource“ ist es auch in einer deutschen Übersetzung verfügbar.
Zitat Björn Lomborg: "Der Grundgedanke ist, dass wir es nicht allein den Umweltorganisationen, den Wirtschaftslobbyisten oder den Medien überlassen sollten, Wahrheiten zu präsentieren und Prioritäten zu setzen. Wir sollten uns stattdessen für eine sorgfältige demokratische Prüfung in der Umweltdebatte einsetzen, indem wir die wirkliche Lage der Welt kennen – das heisst: über die wichtigsten Fakten und Zusammenhänge auf den entscheidenden Gebieten Bescheid wissen." – dem ist aus (trans-)humanistischer Sicht nichts hinzuzufügen.
Björn Lomborg: Apocalypse No! Wie sich die menschlichen Lebensgrundlagen wirklich entwickeln. Erschienen im zuKlampen!-Verlag, 2002.