Hans Moravec
Es ist keine leichte Aufgabe, den Inhalt Moravecs aktuellen Buches zu klassifizieren: Orientiert man sich dabei lediglich anhand des Titels (deutsch oder englisch), passiert einem leicht der Fehler, den eine Berliner Buchhandlung beging, als sie das Buch witzigerweise in den EDV-Bereich einsortierte, gleich neben Autor Bill Gates sowie zwischen Büchern zu prominenten Softwaretiteln seiner Firma. Informatik ist vielleicht keine schlechte Wahl, wird aber dem vertrackten Inhalt in keinster Weise gerecht ...
Den größten Platz hat Moravec natürlich für sein Lieblingsthema reserviert, der Entwicklung von superintelligenten Robotern, die er diesmal ca. für das Jahr 2040 vorhersieht. Harmlos beginnt das Buch mit einem Streifzug durch die Fortschritte und Ergebnisse der letzten 50 Jahre KI-Forschung, wobei Moravec auch seine eigenen Forschungsprojekte nicht unerwähnt lässt: Von einfachen kleinen Roboterfahrzeugen, die in geschlossenen Räumen selbstständig navigieren, über das SAIL-Cart der Stanford University, das im Freien einen Parcours bewältigte, wobei es sich zunächst anhand von Streifenmarkierungen auf dem Asphalt, später – dank Moravec – an Umrissen von Sträuchern bzw. Bäumen am Straßenrand orientierte; bis hin zu jüngeren
Erfolgen wie das selbstlenkende Auto (Navlab 5), das nahezu autonom die USA durchquert, und IBMs Schachcomputer „Deep Blue", der Schachgroßmeister Gary Kasparow geschlagen hat.
Nachfolgend extrapoliert er aus der jüngsten Vergangenheit die Zukunft der Roboterentwicklung, die in ein paar Jahren mit eidechsenhaft reflexartig reagierenden Staubsauger- oder Rasenmäherrobotern begänne und bei superrationalen Universalrobotern, die durch Simulation ihrer Umgebung und aufgesetzter Logikeinheit, menschlichen Fähigkeiten überlegen, komplexe Weltbilder entwickeln könnten, ihren vorläufigen Höhepunkt erreiche.
Im darauf anbrechenden „Zeitalter der Roboter", in dem das Wirtschaftsleben vollständig von Robotern bestimmt sein werde, bestünden die Menschen mittelfristig durch Handel mit den Robokonzernen. Ihre finanzielle Quelle könnte, so schlägt Moravec vor, eine hohe Körperschaftssteuer sein, die wir erheben, wenn man die Roboter dazu bringen kann, den Menschen als Teil der Gesellschaft zu akzeptieren (d.h. nicht auszulöschen). In diese Zeit fällt laut Moravec auch die Besiedlung des Weltraums mit Maschinen und Menschen. Dank leistungsfähiger KIs beschleunige sich der technische Fortschritt und damit die Expansion der
Maschinen im Universum mit einem Tempo, mit dem wir nicht mehr schritt halten könnten. Schließlich würden sich die KIs der trägen Materie entledigen und schafften sich eine Existenz in einem Cyberspace, der als expandierendes Quantenmuster letztlich alle Materie im Universum verschluckt. Die Menschheit als Schöpfer würde nur noch in der Erinnerung dieser wahrhaftigen Superintelligenz bestehen, und vielleicht seien es gerade diese Erinnerungsmuster, die unsere Realität schaffen, spekuliert Moravec.
In diesem abgefahrenen zweiten Teil des Buches driftet Moravec häufig ab: Der Leser findet sich plötzlich in Beschreibungen technischer Ideen wie der „Orbitalbrücke" (Fahrstühle in einen Planetenorbit), physikalisch-theoretischer Diskussionen von Zeitreisen mit Anwendungsmöglichkeiten wie Zeitschleifencomputer und ihre trickreichen Algorithmen (Rechnen ohne Zeitverlust) wieder. „The Great Mambo Chicken"-Leser stoßen sogar auf einen alten Bekannten: den Bush-Robot. Ebenso wird er sich den Kopf über Moravecs eindrucksvoller oder beängstigender Darlegung des Platonischen Realismus zerbrechen müssen, nur so viel: Die Welt ist so wie wir sie kennen, weil wir sie SO wahrnehmen.
Nach der Lektüre bleibt ein beeindruckter, aber von der etwas uneinheitlichen Infoflut irritierter Leser zurück. Was war es eigentlich, was er gelesen hatte? Ein „Science-Fiction-Alptraum", eine „utopische Fantasie", eine „faszinierende Story" (Nature) oder die „radikale Synthese von Computerwissenschaft und Philosophie" (Wired)*? Zumindest ist es ein extropianisches Buch von einer interessanten, vor Ideen sprudelnden Persönlichkeit.
* alle Zitate vom dt. Buchumschlag