Frank Schirrmacher
"Sorge Dich nicht, werde alt" ist das Motto von Frank Schirrmacher's Prognose über das Altern der geburtenstarken Jahrgänge, Das Methusalem Komplott. Wie zu erwarten, liesst sich das Buch selbst freilich ganz anders – schliesslich gibt die demographische Entwicklung in vielen Ländern seit geraumer Zeit Anlass zur Sorge um den Bestand der Sozialsysteme. Schirrmacher zeigt, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist. Was uns im schlimmsten Fall erwartet sind massivste Verwerfungen der Gesellschaft. Keine Bilderbuchidylle mit Schaukelstuhl und Enkeln auf dem Schoss, sondern eine Gesellschaft, die mit allen Mitteln ausser vielleicht direkter physischer Gewalt versuchen wird, den Alten ihre Selbstachtung, ihr Eigentum und ihre Identität zu nehmen. Oder die Alten werden selbst zu Unterdrückern der Jugend, indem sie mit ihrer Stimmenmehrheit diejenigen Politiker an die Macht bringen, die ihnen zu Gefallen sind, was ebenfalls desaströse Folgen hat. Die schockierende Wahrheit dabei ist: Wir, die Leser, werden selbst jene Alten sein. Aus dem ewigen Generationenkonflikt wird ein regelrechter Krieg, der jedoch mit subtilen psychologischen Waffen ausgefochten wird, aber in seiner Wirkung nicht weniger tödlich ist. Es wird eine plausible Lösung angeboten, die dem Buch seinen Namen gegeben hat – das Komplott. Ob dieses jedoch realisiert werden kann, hängt stark von der Fähigkeit der gesamten Gesellschaft ab, über Jahrtausende eingeschliffene oder sogar genetisch determinierte Verhaltensmuster abzulegen.
Schirrmacher ist der Herausgeber des Buches "Die Darwin AG", einer Sammlung von Essays transhumanistischer Autoren, und so verwundert es, dass transhumanistische Technologien zur Lebensverlängerung nur ganz kurz im Kapitel “Die Methusalem Generation” gestreift werden. Disruptive Technologien wie Neurotransplantate, Uploads und andere Technologien, die nicht nur das Leben massiv verlängern, sondern auch die Gedächtnisleistung und damit die Produktivität in übermenschlichem Maße vergrößern können, sind leider weggefallen. Dies ist insbesondere deshalb bedauerlich, als man beim Lesen des öfteren ein deja vu mit Themen hat, die immer wieder auftauchen, obwohl sie bereits in einem früheren Kapitel zur Sprache kamen, so als ob Schirrmacher seine liebe Not hätte, die 203 Seiten zu füllen. Schade! Hier wäre noch Platz für interessante “was wäre wenn” Szenarien, selbst ohne in wilde Spekulation zu verfallen zu müssen. Schirrmacher ist qualifiziert, dazu einiges zu sagen. Statt dessen zieht er vor, keine Angriffsfläche für luddistisch motivierte Kritiker zu bieten und geht lieber von extrem konservativen Extrapolationen der heutigen technischen Entwicklung aus.
Das Methusalem Komplott ist ein gut recherchiertes Buch mit Quellenangaben, denen der interessierte Leser folgen kann. Es spricht wichtige Themen an, die zum Teil entweder ein gesellschaftliches Tabu sind oder zumindest von der Politik ignoriert werden. Es verlangt und gibt Antworten auf Fragen, die drängend sind, obwohl sie wegen ihrer Tabuisierung nicht oft gestellt werden. Es versucht, uns nicht nur zum Nachdenken anzuregen, sondern uns vorzubereiten auf eine Zeit, die sich grundsätzlich von der beschaulichen alten Bundesrepublik unterscheiden wird.