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Flucht ins Engagement

William W. Bartley, III

Flucht ins Engagement
(The Retreat to Commitment)

 

Dieses Buch befaßt sich mit den Quellen und Grenzen der menschlichen Erkenntnis - mit der Erkenntnistheorie. Es versucht in diesem Zusammenhang zu zeigen, "daß es keine rationale oder logische Entschuldigung dafür gibt, Irrationalist zu sein." Bartley, Schüler und Kollege von Karl Popper, greift ein altes Dilemma des am Begründungsdenken orientierten Rationalismus auf. Dieses beruht darauf, daß jede Aussage oder Annahme rational begründet, d.h. auf eine grundlegendere Erkenntnis zurückgeführt werden muß, um als rational gelten zu können, was letztlich zu Zirkelschlüssen oder unendlichem Regreß führt, falls die vorgebrachte Beweiskette nicht durch irgendeine irrationale Annahme zu Ende gebracht wird (die sog. "Letztbindung"). Dies unterhöhlt die Integrität des Rationalismus natürlich dauerhaft. Bartley schickt sich nun an, das Dilemma durch eine überraschende Erweiterung von Poppers kritischem Rationalismus zu beseitigen.

Der erste Teil des Buches schildert am Beispiel der Identitätskrise des Protestantismus, wie aus einer Theorie eine Ideologie werden kann, wenn auf Kritik an Anschauungen und Erkenntnissen verzichtet wird. (Dieser Teil liefert einige erhellende Einblicke in die Struktur und Praxis theologischer Argumentation.) Der Protestantismus stellte ursprünglich eine recht kritische Weltanschauung dar, die durchaus mit der modernen Wissenschaft verbunden war. Der Versuch jedoch, die eigenen Grundlagen rational zu begründen, scheiterte, und so blieb als Alternative zum Untergang nur die Flucht vor der Kritik, in das Dogma.

Daß dies möglich war, ohne dabei die intellektuelle Integrität zu verlieren, verdankt der Protestantismus genau dem oben erwähnten Dilemma der Letztbindung. Dieses macht es (bisher) dem Rationalisten unmöglich, den Irrationalisten für seine Bindung an irgend ein Dogma zu kritisieren, da er selbst zugestehen muß, "daß einiges, wie etwa Grundsätze und Maßstäbe der Rationalität, nicht begründet werden kann".

Wie können wir diesem Dilemma entkommen? Bartley schlägt eine in der Tat radikale Neuausrichtung des Rationalismus vor: weg von der philosophischen Begründung von Maßstäben hin zur philosophischen Kritik der Maßstäbe. "Nichts wird begründet, alles wird kritisiert. Statt zur Rechtfertigung und Garantie von Positionen unfehlbare intellektuelle Autoritäten zu postulieren, kann man ein philosophisches Programm zur Bekämpfung intellektuellen Irrtums aufbauen." Dies bedeutet nichts weniger, als alle seine Positionen, Ansichten etc. der Kritik zu öffnen und ggf. zu revidieren und sich an keine Überzeugung irrational zu binden. Sämtliche Erkenntnisse und Theorien sollen demnach als Arbeitshypothesen gelten, die so lange als wahr angesehen werden, wie sie nicht durch irgend eine Beobachtung widerlegt sind oder mit anderen oder bestehenden Hypothesen in Konflikt geraten (dies ist also ein sehr pragmatischer Standpunkt, der dem in der Wissenschaft praktizierten Prinzip der Falsifizierung von Theorien sehr nahesteht). Bartley nennt diese neue rationalistische Philosophie pankritischen Rationalismus (PCR). Er betont, daß dieser dem Rationalismus seine Integrität zurückzugeben imstande ist und den Irrationalisten als jemanden definiert, der gewisse Positionen von der Kritik ausnehmen, dogmatisieren möchte.

Nachdem die Grundidee dieser neuen Anschauung somit eingeführt und erläutert ist, befaßt sich das Buch mit technischen Aspekten des Kritisierens, der Anwendung der Logik, zusätzlichen Grenzen der Rationalität und dem Umgang mit Autoritäten und Dogmen und ihren Anhängern.

Im Anhang schließlich findet sich neben einer Klassifikation des pankritischen Rationalismus als epistemologischem Metakontext (als dritter Alternative neben dem klassischen Metakontext der Begründungsphilosophie sowie dem östlichen Metakontext des "Nonattachment" - z.B. Zen) eine Diskussion potentieller innerer Widersprüche des PCR, d.h. der Frage, ob der PCR selbst kritisiert werden kann und somit seine eigenen Kriterien bzgl. Rationalität erfüllt. Bartley verweist hier auf semantische Schwierigkeiten (da PCR natürlich in irgend einer Sprache verwurzelt ist und ausgedrückt wird), und dieser Teil des Buches läßt erkennen, daß der PCR noch keineswegs "fertig" ist, sondern weiterhin diskutiert und kritisiert werden muß - in seinem eigenen Sinne, konsequenterweise.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß dieses Buch intellektuelle Unterhaltung auf höchstem Niveau bietet und jedem an rationalistischer Philosophie Interessierten unbedingt zur Lektüre empfohlen sei.

 


Rezensiert von Frank Prengel.