Great Mambo Chicken and the Transhuman Condition

Ed Regis

Great Mambo Chicken and the Transhuman Condition

Science slightly over the edge

Transhumanisten bilden eine sehr heterogene Gruppe von Individuen, die ein großes Spektrum unterschiedlicher Meinungen zu vielen verschiedenen Themen enthält. Doch wenn es eine Eigenschaft gibt, die die Transhumanisten vereint, dann ist es das, was Außenstehende als Hybris bezeichnen würden, der Hochmut also, der keine Grenzen als gottgegeben und unverrückbar anerkennt, und der die Transhumanisten antreibt, gleichsam selber zu Göttern werden zu wollen. Sie bilden damit einen Teil jener vornehmlich amerikanischen Subkultur, die bereit ist, jegliche Beschränkungen menschlichen Daseins und menschlicher Gewohnheiten zu sprengen, um die Welt bis auf die rohen Naturgesetze hin ihrem Willen zu unterwerfen und nach ihren Überzeugungen zu gestalten. Es ist diese Subkultur, von der das Buch handelt, und so ist es auch kein Wunder, dass das Wort Hybris an unzähligen Stellen auftaucht, der rote Faden ist, der die einzelnen Kapitel verbindet.

In dem Buch treffen wir auf viele Denker und Erfinder, die Transhumanisten wohlbekannt sind, etwa auf den Physiker Freeman Dyson, der vorschlägt, die Sonne komplett mit einer riesigen photoaktiven Kugeloberfläche zu umgeben, um ihre Strahlung nicht ungenutzt in den Weltraum entweichen zu lassen, auf den Robotiker Moravec, der wünscht, menschliches Bewusstsein in eine Maschine zu übertragen, und natürlich auf K. Eric Drexler, eine der wichtigen Figuren der Nanotechnologie. Hinzu gesellen sich andere, die mit dem Transhumanismus nichts direkt zu tun haben, und auch solche, deren Ideen selbst abgebrühten Transhumanisten als spinnert erscheinen mögen (wozu es schon einer ganzen Menge bedarf). Doch sie alle eint, dass ihre Gedanken, so unglaublich und maßlos sie erscheinen mögen, nicht nur leere Visionen sind, sondern auf solider Wissenschaft fußen.

Die meisten transhumanistischen Texte zeigen nur diese, wissenschaftliche Seite des Transhumanismus, indem sie sich abstrakt und oftmals akribisch nur mit der Materie selber befassen. Dieses Buch unterscheidet sich davon, weil es auch die Person hinter den Ideen in der Vorstellung des Lesers zum Leben erwachen lässt, indem es den oft außergewöhnlichen Werdegang und die faszinierenden Persönlichkeiten dieser Denker und Macher schildert. Gleichzeitig gibt es aber auch eine breit angelegte Einführung in viele transhumanistische Themen, von der Nanotechnologie über das Uploading und die Besiedlung des Weltraums bis zur Kryonik. Es eignet es sich damit als ideale Einführung für alle, die dem Transhumanismus im Überblick kennen lernen wollen. Dennoch sollte man zumindest ein Buch des ersteren, wissenschaftlichen Typus, zuerst lesen -- hier seien etwa Drexlers "Engines of Creation" oder Moravecs "Mind Children" genannt -- damit einem trotz Regis´ leichtfüßiger Erzählweise bewusst wird, wie realistisch diese zuerst so spinnert erscheinenden Ideen sind, und welche ernsten, teilweise fundamentalen Auswirkungen sie haben könnten.

Dass Regis in einem lockeren, witzigen Stil schreibt, bedeutet keinesfalls, dass er sich der Schwere der in seinem Buch wiedergegebenen Ideen nicht bewusst ist. Ganz im Gegenteil: Der zuerst seltsam anmutende Gegensatz von Form und Inhalt, der unbeschwerten Erzählweise auf der einen Seite und dem Ernst der Themen auf der anderen, wird verständlich, wenn man weiß, dass der Autor sich nicht etwa von außen über seine Protagonisten lustig macht, sondern sich vielmehr mit ihnen in einem Boot sieht, so dass das, was im ersten Moment als mangelnde Ernsthaftigkeit erscheint, in Wahrheit dem ganzen Buch einen herrlichen, selbstironischen Unterton verleiht. Es ist letztlich diese Fähigkeit zur Selbstironie und Selbstkritik, die jemanden mit lediglich außergewöhnlichen Ideen, die weit außerhalb der gesellschaftlichen Norm stehen, von einem engstirnigen Fanatiker unterscheidet, und sie ist es, die dem Buch trotz seinem aberwitzigen Gerede davon, Menschen in fraktale Roboter zu transformieren oder Individuen millionenfach zu klonen, sein menschliches Antlitz verleiht.


Rezensiert von Torsten Nahm