H+ Magazine

Bernd Vowinkel: Maschinen mit Bewusstsein

Wohin führt die künstliche Intelligenz?

Wiley-VCH, Weinheim 2006 331 Seiten € 24,90

 

Positive Hinweise auf die Vertreter der US-dominierten Dritten Kultur in der Wissenschaftspublikation, seien es Ray Kurzweil oder Hans Moravec, kann man in diesem Lande selten lesen. Die bundesdeutschen Naturwissenschaftler halten sich bedeckt und greifen in das spekulative Prognosetreiben kaum ein. Und wenn, dann publizieren sie kritische Texte mit so bezeichnenden Untertiteln wie „Wahn und Wirklichkeit der künstlichen Intelligenz" (Peter Dietz). Zustimmung erfolgt in den anonymen Weiten des Internet oder im Kreise kleiner transhumanistischer Zirkel, aber nicht in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Es sind eher Geisteswissenschaftler wie der Soziologe Dirk Baecker oder der Medientheoretiker Norbert Bolz, die sich beispielsweise zu Themen bei Kurzweil zustimmend geäußert haben. Umso interessanter ist es also, wenn der Ingenieur und Physiker Bernd Vowinkel diese Deckung verlässt und sich in seinem Buch Gedanken machen will zur fernen Zukunft künstlicher Bewusstseinsformen.

Moravec und Kurzweil zählen denn auch zu seinen Gewährsmännern. Vowinkels Ausführungen reihen sich ein in die spekulative Tradition des Trans- und Posthumanismus. Er geht davon aus, dass es Künstliche Intelligenz (KI) geben wird. Die Gretchenfrage ist ja dann, wie KI hergestellt werden oder wie sie zu Stande kommen soll. Ähnlich wie Kurzweil sieht Vowinkel die Realisierungspotenziale durch das „soft computing“ (neuronale Netze, genetische Algorithmen, fuzzy logic) und das „reverse engineering“ des menschlichen Gehirns gegeben. Dabei werde es aber nicht möglich sein, das künstliche Bewusstsein durch einen Programmcode herzustellen. „Erfolgversprechender scheint es zu sein, die natürliche Intelligenz so weit wie technisch möglich nachzuahmen und die KI sich dann weitgehend selbst entwickeln zu lassen.“ Wenn das Bewusstsein mit naturwissenschaftlichen Methoden als Phänomen analysiert werden könne, dann sei es auch machbar, dieses zu „objektivieren“ und mit Algorithmen darzustellen. Vowinkel gesteht den Kritikern allerdings die berechtigte Frage zu, wie es denn möglich sein soll, dass mentale Zustände durch die Kombination von Algorithmen und Zufallsgeneratoren verwirklicht werden.

Was die Hardware-Seite betrifft, nennt Vowinkel eine ganze Reihe von Stichworten, die auch anderswo in der Literatur auftauchen, wenn es um die Überwindung der Grenzen heutiger Silizium- und Transistortechnik geht: Spintronik, Einzelmolekül-Bauteile, Quantencomputer. 2015 werde die Hardware die Leistungsfähigkeit des Gehirns erreichen – eine alte Voraussage von Moravec. „Das Problem liegt offenbar dann mehr im Bereich der Programmierung. Es wird sicherlich nicht so sein, dass das Problem mit einem Schlag gelöst wird, sondern es wird ähnlich wie bei der Entwicklung der natürlichen Intelligenz viele kleine Schritte geben.“ Vowinkel skizziert ganz andere Lernmöglichkeiten einer KI: Daten können direkt von anderen Maschinen an sie übertragen werden; dabei könne sie auch räumlich aufgeteilt sein.

KI-Wesen seien potenziell unsterblich, auch wenn einzelne Bauteile veralten. „Im Gegensatz zu biologischen Lebewesen ist es aber hier möglich, die Identität von den restlichen Fähigkeiten zu trennen. Das ermöglicht die Weiterentwicklung der Hardware und der Software bei Erhaltung der Identität. Damit ließe sich sozusagen die Evolution an einer lebenden Person fortführen.“ Die einzige physikalische Grenze für eine KI sei die Energieversorgung. Getreu einer Transhumanismus-Tradition präsentiert Vowinkel ein spektakuläres Schaubild, auf dem im Jahre 2025 die Linie der KI die der natürlichen Intelligenz „kreuzt“ und danach weiter steil ansteigt.

Wenn man von seinem technologischen Optimismus einmal absieht, stellt sich des Weiteren die Frage, was Vowinkel unter „Identität“ versteht. Er nimmt an, dass sich diese aus dem Gesamtzusammenhang des körperlichen und psychischen Erlebens theoretisch und praktisch herauslösen lässt. Dabei unterscheidet er einen Code, der ausschließlich das Ich bestimme, noch von einem allgemeinen Bewusstseinscode, in dem erlernte Fähigkeiten abgelegt werden. Die Annahme einer solchen Trennung ist in dieser Form neu und kann für die weitere Debatte produktiv gemacht werden. Jedenfalls gilt: „Personale Identität ist als Information darstellbar und daher prinzipiell auch in Form eines digitalen Codes speicherbar.“ Diese Darstellbarkeit wäre die Voraussetzung für das umstrittene Konzept des „Uploadings“ eines Bewusstseins auf einen Computer. Vowinkel hält Kurzweils Prognose, dass diese Technik schon im Jahre 2030 zur Verfügung stehen werde, allerdings für zu knapp bemessen, da weder die theoretischen noch die technischen Bedingungen bis dahin gegeben seien. „Selbst wenn ein solches Abtastverfahren zur Verfügung stünde, das die Übertragungseigenschaften sämtlicher Synapsen und die Funktionen aller Neuronen messen könnte (...), müsste man diese Daten interpretieren und in eine Form bringen, die für den Computer verwertbar ist. (…) Die einzige Möglichkeit, die dann noch bliebe, wäre eine 1:1-Kopie des gesamten neuronalen Netzes mit einer möglichst genauen Kopie der Funktion jedes einzelnen Neurons mitsamt seinen Synapsen. Dazu wäre aber eine Auflösung notwendig, die bis auf die molekulare Ebene hinabreicht.“ Zum einen braucht es also für die Lösung dieses ingenieurswissenschaftlichen Problems eine theoretisch adäquate Modellierung, um die Funktionen des Gehirns besser künstlich reproduzieren zu können, zum anderen besteht die Aufgabe, die entsprechende komplexe Hardware zu bauen.

Wie wird sich die KI nun konkret auf diese Gesellschaft auswirken? Vowinkel erledigt solche Fragen mit einigen wenigen Absätzen: KIs werden zuerst die Abarbeitung festgelegter Prozesse übernehmen. Sie werden die Verkehrsmittel steuern sowie in der industriellen Massenproduktion, in der Landwirtschaft und auch im Bankenwesen Einsatz finden. Als Folge davon werden die menschlichen Arbeitskräfte in Dienstleistungsbereiche und Nischenberufe zurückgedrängt. Man kann dem Autor nur beipflichten bei seiner Forderung, dass die übrig bleibende Arbeit bald anders verteilt werden müsse – eine Forderung, die aktuell ins Hintertreffen geraten ist, obwohl die technisch bedingte Rationalisierung in allen Sektoren der Wirtschaft voranschreitet. Vowinkel möchte eigentlich keine Vorhersage zu gesellschaftspolitischen Aspekten machen, da diese im Unterschied zu technischen und naturwissenschaftlichen Entwicklungen nicht möglich sei, aber was soll dann passieren, wenn die sich weiter entwickelnde KI laut eigener Aussage alle anfallende Arbeit erledigen kann? „Mit dem Eintritt von superintelligenten Wesen in unsere Zivilisation werden gewaltige Umbrüche verbunden sein. Die gesamte Forschung und Entwicklung wird von diesen Wesen übernommen werden, weil kein Mensch mehr sich mit ihnen messen kann. Dies wird zu einer Explosion des Fortschritts in diesen Bereichen führen. Daneben werden sie alle Führungspositionen in der Wirtschaft und der Politik einnehmen.“ Vowinkel äußert sich aber nicht genauer zu diesen in nicht allzu weiter Ferne stattfindenden Umbrüchen, obwohl die Überlegung interessant gewesen wäre, wie eine solche gesellschaftliche Struktur auszusehen hätte.

Wenn solche „Niederungen“ der technischen Entwicklung und der gesellschaftspolitischen Organisation vergessen sind und die KI zu ihrem Siegeszug angetreten ist, steigt auch Vowinkel zu hochspekulativen Exkursen auf. Schon kleinlich nimmt sich seine Reformulierung des Konzepts der Dyson-Sphäre aus. Dieser „Energieschirm“ um eine Sonne, angelegt für eine optimale Energieverwertung, werde möglicherweise aus dünner Solarzellen-Folie und integrierter KI bestehen. Vowinkel ist der Meinung, dass „interstellare Raumfahrt nur mit KI wirklich sinnvoll und effektiv nutzbar“ sei. Mit Nanotechnologie gebaute Von Neumann-Sonden werden die gesamte Galaxis autonom erforschen und besiedeln, wofür sie nach seiner Schätzung trotz aller technischen Vorteile zehn Millionen Jahre brauchen. Die Existenzerwartung der KI im Kosmos werde 1040 Jahre betragen. Obwohl Vowinkel schon im Vorwort klärt, dass er mit Religion nichts am Hut habe, bezieht er sich ausführlich auf die Neuformulierung religiöser Konzepte bei Frank Tipler (siehe dessen Buch „Die Physik der Unsterblichkeit“, das auch unter Transhumanisten umstritten ist). Besonders die in eine ferne Zukunft projizierte individuelle „Wiedergeburt“ in Form einer KI nach dem biologischen Tod hat es ihm angetan. „Die physische Gehirnmasse dient uns nur als Hardware und braucht damit nicht bis hin zu den Quantenzahlen ihrer Atome rekonstruiert werden. Zur Wiedergeburt reicht es vielmehr, die Information, die unser Ich charakterisiert, zu rekonstruieren.“ Selbst wenn man annimmt zu Vowinkels Gunsten, dass die Identität als Information abspeicherbar sei, verloren gegangene Information neu erzeugt werden könne und kein Lebewesen den „exakt gleichen gesamten Speicherzustand“ wie ein anderes habe, so bleibt offen, wo genau sich die Information befinden und wie ihre Neuzusammensetzung vonstatten gehen soll. Allerdings fasst Vowinkel die Wiedergeburt als rein digitale auf, was wahrscheinlicher ist als die Wiederherstellung der biologischen Form, da der menschliche Gesamtkörper zu komplex ist. Das digital reproduzierte Individuum wird dieselben Charakteristika wie das ursprüngliche Ich haben, aber in einer anderen Verfassung existieren. Das zurück gekommene Bewusstsein erwartet aber ein Problem: In der prosperierenden KI-Superzivilisation könnte nämlich wegen Überbevölkerung kaum Platz für es sein (?!), da diese die Heimstatt für 1027 künstliche Wesen mit menschlicher Intelligenz sein könnte. „Nehmen wir als grobe, optimistische Abschätzung einmal an, dass in ferner Zukunft alle Sterne des erreichbaren Teils unseres Universums (etwa 1022) mit einer Superzivilisation dieser Größe ausgestattet sind, so ergäbe das insgesamt 1049 Wesen. Damit wären aber die Chancen für eine Wiedergeburt verschwindend klein.“ Warum eine Superzivilisation pro Stern? Solche Berechnungsspiele enthalten doch zu viele Unbekannte. Da Vowinkel auch eine Wiederauferstehung in virtuellen Welten gelten lässt, könnte dem Platzmangel vielleicht doch ausgewichen werden.

Das Buch ist in der Einführungsreihe „Erlebnis Wissenschaft“ erschienen. Es streift eine ganze Reihe von Themenkomplexen, die mit der KI verbunden werden können, und ist insofern als Einstiegslektüre geeignet, die dazu anregen kann, sich selbst mit der Frage nach der Existenzmöglichkeit von KI zu beschäftigen – eine Frage, die dieses Jahrhundert prägen wird. Angenehm bei der Lektüre ist auch, dass Vowinkel – wie eingangs schon erwähnt – nicht in den Tenor bundesdeutscher Berichterstattung zu diesem Thema verfällt und sich von vornherein „zensiert“. Neben seinen übertechnischen Spekulationen zur zukünftigen künstlichen Wiedergeburt, denen man nicht folgen muss, ist er auch in der Lage, an philosophische Diskurse anzukoppeln – anders als Kurzweil beispielsweise, der kaum über seinen Ingenieurs-Tellerrand hinausguckt. Vowinkel diskutiert erkenntnistheoretische Probleme mit Rückgriff auf Philosophen wie Kant und Schopenhauer und kommt zu dem Schluss: „Wenn es uns gelingen sollte, KI mit geistigen Fähigkeiten auszustatten, die die der Menschen weit übersteigen, so könnten vielleicht diese Wesen zu einem vollständigeren Weltbild gelangen und dann auch die Frage nach der Realität besser beurteilen.“ Auch seien dann philosophische Experimente denkbar zu Aspekten wie dem des „freien Willens“. Damit wertet er die KI auf als mögliche „Erzeugerin“ von philosophischen Sichtweisen – sie ist nicht mehr länger nur ein Objekt, dessen Beschreibung man mit den herkömmlichen Begriffen (vergeblich) beizukommen versucht.

Philosophisch gesehen vertritt Vowinkel eine utilitaristische Position mit dem Ziel, „möglichst viel Glück für möglichst Viele“ zu schaffen. „Die Vertilgung des Unglücks wird (…) früher oder später den Menschen in seiner jetzigen Form in Frage stellen. (…) Nur durch die mögliche Trennung eines Individuums von seinem materiellen Körper kann dem entgangen werden. Die KI wird dies möglich machen.“ Letztlich sind solche Gedankenrätsel, wie Vowinkel sie aufzählt, auch nicht endgültig zu beantworten: „Gibt es so etwas wie eine Emergenz zu immer größerer Intelligenz in unserer Welt, und sind wir als Menschen ein zwar wichtiges, aber doch nur Zwischenglied in dieser Entwicklung? Liegt gar der Sinn unserer eigenen Existenz ausschließlich darin, künstliche Wesen mit höherer Intelligenz zu entwickeln – und sind wir selbst nach Erreichen dieses Ziels überflüssig?“ Der Autor behandelt solche offenen Fragen nach dem Sinn von KI pragmatisch, da die Menschheit den Sinn einer höheren Existenzform vermutlich gar nicht feststellen noch den „Zweck“ des Universums klären könne. Da die technologische Zivilisation aber eh auf der Arbeit von vielen Generationen beruhe, sei es die weiterführende Aufgabe für jeden, am Fortschritt dieser mitzuwirken und so das Glück zu mehren. Und wenn es dann mit der Wiedergeburt klappt, umso besser.

Mehr ist an Diskussionsstoff von einem einzelnen Buch, das sich der Popularisierung eines brisanten schwer zugänglichen Themas verschrieben hat, nicht zu erwarten. Da er um die anti-humanistischen Verdikte weiß, die den KI-Diskurs besonders im moralphilosopisch und -theologisch gut gerüsteten Deutschland treffen, sieht er sich unnötigerweise veranlasst, den humanistischen Wertemaßstab als Referenz in seine Argumentation einzubeziehen. Werte wie „Würde, Erhabenheit und Moral“ würden auch bei den nachmenschlichen Mischwesen anzutreffen sein, obwohl er an anderer Stelle schreibt, dass alles, was menschlich von Wert sei – Liebe, Sexualität, Kunst –, in der posthumanen Zivilisation verschwinden werde. In einer solchen Zivilisation treten eben ganz andere Gesetzmäßigkeiten zu Tage, die nicht mehr einzig nach menschlichen Maßstäben verstanden werden können. Der Humanismus ist selbst eine Konstruktion, unter bestimmten kulturhistorischen Bedingungen entstanden, und kein ewig geltender Wertekanon. Zu Recht weist Vowinkel auf die Relativität von Kulturerfahrungen und die ansteigende Künstlichkeit des gesamten Zivilisationsprozesses hin, wenn er anführt, dass aus der Perspektive eines Steinzeitmenschen der heutige Mensch aufgrund hoch entwickelter technokultureller Vergesellschaftung schon als „transhuman“ eingeschätzt werden müsse.


Rezensiert von Wolfgang Neuhaus

erschienen in: Wolfgang Jeschke / Sascha Mamczak (Hg.): Das Science Fiction Jahr 2008, Heyne Verlag, München 2008