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The First Immortal

James L. Halperin

The First Immortal

 

Robert A. Heinlein hat einmal gesagt: "Die Science Fiction hat einen entscheidenden Verdienst errungen, den die Mainstream-Literatur unfähig zu leisten war. Sie hat unsere Jugend auf die kommende Eroberung des Weltraums vorbereitet". Wobei Heinlein zu bescheiden war, um zu erwähnen, dass es vor allem seine durch technische Präzision und Realismus hervorstechenden Werke waren, die maßgeblich zu dieser Entwicklung beitrugen. Und es ist nicht zuletzt Autoren wie Greg Egan, Bruce Sterling und Brian Stableford zu verdanken, dass transhumanistische Themen in Kreisen der Science Fiction sich steigender Bekannt- und Beliebtheit erfreuen. Ein Thema, dass bis jetzt jedoch aus fast allen Betrachtungen ausgespart blieb, war die Kryonik. So könnte dieses Buch, das Kryonik als sein zentrales Thema hat, eine klaffende Lücke schließen. Doch leider kann es diese Erwartung bei weitem nicht
erfüllen.

Halperins Buch handelt von Ben Smith, einem der ersten Menschen, die sich kryonisch einfrieren lassen, und seiner Familie auf dem Weg durch die Jahrzehnte in eine utopische Zukunft. Der erste Teil behandelt Bens Leben von seiner Kindheit bis zu seinem (temporären) Tod 1988, indem es in kurzen Auszügen die Ereignisse schildert, die ihn prägen und seine tiefgreifende Überzeugung, dem Tod entschlossen entgegenzutreten, reifen lassen. Der folgenden 180 Seiten, fast die Hälfte des Buches, beschäftigen sich mit dem Schicksal seiner Nachkommen (von denen einige ihn anfangs sogar wieder auftauen und "richtig beerdigen" wollen); eingeflochten sind, im Stil von Newsticker-Meldungen, die Prognosen des Autors für die technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der Zukunft. 2072 schließlich wird Ben reaktiviert, und der letzte Teil des Buches handelt von ihm und seinem Platz innerhalb seiner Verwandtschaft und in der Gesellschaft im Allgemeinen.

Dies könnte noch, wenn auch sehr konventionell aufgebaut, eine gute, wenn auch angesichts des Mittelteils etwas langatmige, Einführung in die Kryonik ergeben. Doch Halperin ist seiner Aufgabe an keiner der vielen Fronten, die ein solches Buch ausmachen, gewachsen. Da ist erst einmal der technische Aspekt: Halperin versucht in seinen Ticker-Meldungen eine weitausgreifende Prognose über alle Bereiche technischer Entwicklung zu geben. Aber leider bringt er nicht das nötige Sachwissen mit; an einer Stelle etwa wird ein einzelnes Protein erfunden, das, dem Trinkwasser zugesetzt, allen Menschen ein perfektes Gedächtnis verleiht. Damit zeigt er nicht nur, dass er die genetischen Kontrollmechanismen des Gehirns um Größenordnungen unterschätzt, sondern auch, dass er sich offenbar keine Gedanken darüber gemacht hat, wieso das Protein im Magen nicht verdaut wird und wie es die Bluthirnschranke passieren kann. Die Technik der Zukunft wird´s schon stillschweigend richten, mag man sich denken; gute Science Fiction zeichnet sich aber gerade dadurch aus, das sie plausible Lösungen angibt und Probleme aufzeigt.

Noch schlechter sieht es bei der Psychologie aus. Trip Crane, der im Buch als Erzähler fungiert, nimmt von allen Möglichkeiten zum Beispiel gerade seinen über Alles geliebten Hund als Versuchskaninchen für ein äußerst gefährliches Experiment. Doch auch wo die Charaktere nicht geradeheraus unglaubwürdig sind, wirken sie unausgegoren und flach, und das, was Halperin bemüht, um tiefere Aspekte ihrer Persönlichkeit zu beleuchten, ist irgendwo bei Freud stecken geblieben.

Auch die Behandlung der Gesellschaft zeichnet sich durch Naivität aus. So wird zwischendrin eine Maschine (die "Truth Machine") erfunden, die die lückenlose Überwachung der Motive, Gedanken und Pläne aller Bürger erlaubt. Gegen Halperins Version des Überwachungsstaats sieht Orwells 1984 geradezu impotent, beinahe lächerlich aus; doch was Halperin uns schildert, ist eine insgesamt glücklichere Gesellschaft, in der die Bürger froh sind, dass endlich ein 100-prozentiges Mittel gegen das Verbrechen gefunden ist.

Hierzu passt, dass das Buch (ganz ungeachtet der vorkommenden neuen polygamen Ehen, etc.) vom Kern zutiefst prüde und puritanisch ist. So erfahren wir einiges über "das Böse" im Menschen, über dessen Wurzeln uns in einem Newsticker bibelmäßig eine AI aufklärt. Und Ben Smith bleibt seiner Frau nicht nur über 95 Jahre (nach dem Autor wohl bis in alle Ewigkeit, doch das Buch hört 2125 auf) plus 84 Jahre in kryonischer Aufbewahrung treu, er liebt sie auch noch wie am ersten Tag und kann sich täglich neu am Sex mit ihr erfreuen. Ja, so tiefgreifend ist seine Liebe, dass er seine Frau (die früh starb und nicht kryonisch aufbewahrt wurde) aus übergebliebenem Gewebe klont und ihr seine Erinnerungen von ihr einpflanzt, um sie für sich nach seinem Auftauen neu zu erschaffen. Es ist im Endeffekt diese Statik, dieses selbstbefriedigende Erstarren in der persönlichen Vergangenheit, die mich an dem Buch am meisten gestört hat, und die in merkwürdigem Kontrast zum sich sonst überschlagenden technischen Fortschritt steht.

Angesichts aller dieser Unzulänglichkeiten erscheint es merkwürdig, dass Halperins Roman aus transhumanistischen Kreisen viel Lob erhalten hat und auch auf der Extropy Recommended Reading List auftaucht. Dies mag daran liegen, dass die naive Hau-Ruck-Einstellung, die viele Teile des Buches bestimmt, vom Grundsatz der extropischen Auffassung der Zukunft entspricht. Vielleicht kommt es aber auch nur daher, dass vielen bekannten Extropianern und Kryonikern, entweder indirekt durch ihr Auftreten in dem Buch mit leicht verändertem Namen (etwa Carlos Platt statt Charles Platt), oder direkt geschmeichelt wird. (So erfahren wir, dass 2075 das Extropy Institute die Marke von einer Milliarde Mitglieder überschreitet).

Insgesamt mag das Buch einen gewissen Propanda-Zweck für die Kryonikbewegung erfüllen, auch durch seinen Anhang, der Adressen von Alcor und anderen enthält. Doch die Propanda kommt leider in einer denkbar schlechten Verpackung.

 


Rezensiert von Torsten Nahm.