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Ray Kurzweil: The Singularity is Near

When Humans transcend Biology

Viking Penguin, New York 2005, 652 Seiten, $ 29.95

 

Der Titel des Buches erinnert nicht von ungefähr an religiöse Sektenpropaganda ("Das Ende ist nah!"), wie sie an jeder Straßenecke verteilt wird. Sein Autor lässt sich auf einer Seite sogar mit einem Pappschild um den Hals abbilden, auf dem eben diese Botschaft handschriftlich gekritzelt steht. Und das ist von Kurzweil nicht nur ironisch gemeint. In einem Kapitel formuliert er einmal, dass wir eine "neue Religion" bräuchten. Die Rolle der traditionellen Religion sei bisher gewesen, über den Tod nachzudenken, solange man noch nichts dagegen hätte unternehmen können – Kurzweil will ihr säkularisiertes Erbe antreten und mit allen technischen Mitteln vorantreiben. Die Singularität bedeutet in seinem Verständnis eine Heilsgeschichte der Vollendung menschlicher und künstlicher Existenzformen.

Vielleicht kann die Besprechung eines solchen Buches nur mit einem "Bekenntnis" beginnen. Ja, ich halte in einigen Jahrzehnten die technologische Singularität – die Realisation und Verbreitung Künstlicher Intelligenz in einer hochtechnischen Umgebung – für eine ernst zu nehmende Perspektive der weitergehenden, durch den Menschen angestoßenen künstlichen Evolution, obwohl völlig unklar ist, wie diese im Einzelnen technisch ablaufen und was ihre tatsächliche Gestalt sein wird. Eine solche Entwicklung würde die Neubewertung, die Neuorganisation aller menschlichen Angelegenheiten bedeuten, da ist Kurzweil recht zu geben. Bei der Begründung, warum das so geschehen soll, geht Kurzweil vom Prinzip einer sich schrittweise beschleunigenden evolutionären Entwicklung in verschiedenen Technologiefeldern aus.

Die Stärke des Buches ist sicher, dass Kurzweil über eine Vielzahl von Forschungsvorhaben informiert ist. Es liest sich wie ein Potpourri der Technowissenschaften und der durch die Informatik infiltrierten Lebenswissenschaften. Kurzweil kritisiert, dass gemeinhin nur einzelne Trends abgeschätzt werden, nicht aber ihr vielfältiges Zusammenwirken, und liegt damit nicht falsch. Nanoröhrchen-Schaltkreise, Spintronik, Computer im pico- und femtotechnologischen Maßstab. Viele Themen werden angerissen, um das Szenario der Singularität einzuleiten. Er belegt, dass entgegen allgemeiner Vermutung KI-Techniken schon heute vielfältig verwendet werden, von KI-basierten Charakteren in Computerspielen (zum Beispiel in "The Sims 2") bis hin zur Software für die Optimierung der Logistik eines Flughafens. Welche konkreten Technologien aber zur Singularität führen sollen, da bleibt Kurzweil vage. Für die eng gefasste KI verweist er auf den bekannten Werkzeugkasten der KI-Forschung: unter anderem zelluläre Automaten, genetische Algorithmen, neuronale Netze, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass diese Methoden miteinander kombiniert werden könnten, etwa indem solche Algorithmen bei der Optimierung der Netze eingesetzt werden.

Den Großteil seiner Darstellung, wie man zu einer KI gelangen könne, nimmt der Bereich der Gehirnforschung ein. Die menschliche Intelligenz verstehen zu lernen, ist für Kurzweil die Vorbedingung für alle weiteren Schritte. Die chaotischen, sich selbst-organisierenden, parallel arbeitenden "Algorithmen" einer Gehirnregion sollen entziffert und ausgeweitet werden, bevor sie in künstliche Substrate implementiert werden, was ein schnelleres Funktionieren erlaube. "One simple statement of the strong AI scenario is that we will learn the principles of operation of human intelligence from reverse engineering all the brain´s regions, and we will apply these principles to the brain-capable computing platforms that will exist in the 2020s." Kurzweil orientiert sich also in seiner Spekulation direkt am Ausgangsprodukt der biologischen Evolution, indem er die Funktionen des menschlichen Gehirns abbilden und umgestalten will. Die Alternative wäre der Entwurf eines andersartigen Systems, das die gleiche Funktion wie das menschliche Gehirn erfüllen kann – und mehr. Als Stärke der Maschinenintelligenz benennt er gerade die völlige Freiheit in Gestaltung und Aufbau. Ferner beschreibt er als Funktionen die sehr schnelle Abrufbarkeit von Informationen, das "Teilen" dieser zwischen verschiedenen Computern und die Möglichkeit ihrer Zusammenschaltung in einem Netzwerk. Insofern verblüfft es doch, dass Kurzweil das Gehirn so in den Mittelpunkt rückt. Er hat dafür allerdings einen weiteren Grund, sieht er doch auf die Art das menschliche Erbe in der Singularität gewährleistet, weshalb in dieser der Respekt für die biologischen Vorfahren nicht verloren ginge (?!).

Hat man dieses Wissen über das Gehirn einmal, ist nicht nur die Grundlage für die KI gelegt, sondern auch für das Uploaden des Bewusstseins, ein berühmt-berüchtigtes Konzept aus dem Transhumanismus, das der Robotik-Forscher Hans Moravec aufgebracht hat. Das erfolgreiche Uploaden soll Ende der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts möglich sein. Milliarden von Nanobots haben dann das Gehirn infiltriert und von innen seine Funktionen in Echtzeit gescannt. Sie sollen auch die menschliche Intelligenz ausweiten – wie das genau geschehen soll, bleibt Kurzweil seinen Lesern als Erklärung allerdings schuldig. Es ist absehbar, dass die Menschen sich mit Maschinenpotenzialen koppeln werden, aber es wäre interessant gewesen darüber zu spekulieren, wie sich dabei ihre Denkweisen verändern. Kurzweil belässt es bei der Vorstellung, Wissen und Fähigkeiten downloaden zu können, ohne sie erst mühsam und langwierig mittels der Sprache lernen zu müssen. Wird es wirklich so einfach sein?

Das Datum für das Eintreten der Singularität setzt er mit 2045 an. Sie beginnt mit der beschriebenen Verschmelzung von Technologie und menschlicher Intelligenz, um sich dann rasant zu beschleunigen. Nun kann man darüber diskutieren, ob das Theorem der technologischen Singularität überhaupt plausibel ist oder nicht. Wenn es denn eine KI geben wird, kann ihr Funktionieren tatsächlich für Menschen nicht einsehbar sein, allerhöchstens ihr Wirken in einem Umfeld. Solange die KIs also nicht den Planeten verlassen und sich im Sonnensystem ausbreiten würden, hätte man es mit punktuellen Singularitäten zu tun, aber keinesfalls mit einer totalen Veränderung aller Existenzbezüge über Nacht. Das Wirklichwerden einer KI wäre nichtsdestotrotz eine Sensation, die einige philosophische Implikationen für die menschliche Existenz mit sich bringen würde. Kurzweil hat an solchen Fragen aber kein Interesse. Welche Veränderungen menschlicher Werte sich ergeben, ob die Maschinen eine eigene Kultur herausbilden könnten, darüber liest man in dem Buch nichts. Das macht die Lektüre ziemlich eindimensional.

In dem Text spricht die Stimme eines Ingenieurs, der jedes Problem schlussendlich für technisch lösbar hält. Mit Rückgriff auf die Nanotechnologie erklärt er beispielsweise: "By the 2020s molecular assembly will provide tools to effectively combat poverty, clean up our environment, overcome disease, extend human longevity, and many other worthwhile pursuits. Like every other technology that mankind has created, it can also be used to amplify and enable our destructive side." Kurzweil versucht zwar, auch die problematischen Seiten der Technologieentwicklung zu beleuchten, aber ihm fehlt völlig ein Blick für die Überlagerung von gesellschaftlichen Problemen, ihre Entstehung in einem sozialhistorischen Zusammenhang. Armut ist eben nicht auf ein technisches Problem zu reduzieren. Kurzweil spricht auch das Thema einer Gefahr durch die Singularität an, aber er scheint den frommen Wunsch zu hegen, dass die Technologien in der Singularität zwar Großes, "Übermenschliches" leisten werden, aber den Menschen weiterhin zu Willen bleiben.

Er kommt dann aber zu dem spekulativen Schluss, dass eine starke KI zwar helfen könne, die menschliche Kultur vor außer Kontrolle geratenen Nanomaschinen zu schützen, dass aufgrund ihrer Überlegenheit aber kein Schutz vor ihr selbst möglich sei – damit wäre für die Menschen das Ende der Fahnenstange technischer Problemlösungen erreicht.

Auch wenn Kurzweil technische Visionen noch und noch vorstellen und mit Fakten aus den Laboren und Produktionshallen dieser Welt untermauern kann, ein Interesse an korrespondierenden sozialen Innovationen ist nicht auszumachen. An einer anderen Stelle heißt es: "As every point on the exponential-growth curve underlying this panoply of technologies represents an intense human drama of innovation and competition, we must consider it remarkable that these chaotic processes result in such smooth and predictable exponential trends." Dieser Abschnitt ist schon als symptomatisch für die spezifische Leerstelle in Kurzweils Werk anzusehen. Über dieses intensive menschliche Drama, die sozialen Kämpfe um die Durchsetzung neuer Technologien würde man gerne mehr erfahren, hätten sie doch auch Auswirkungen auf die Singularität. Wenn dieser Prozess doch alle Institutionen und jeden Aspekt menschlichen Lebens transformieren werde und letztlich als DIE große Lösung aller Probleme geradezu heraufbeschworen wird, warum analysiert Kurzweil dann die bestehenden Institutionen nicht kritisch, da sie doch Hindernisse auf dem Weg sein könnten? Kurzweil macht sich keine Gedanken über die Politische Ökonomie eines solchen Übergangs zu einer durch die Singularität bestimmten Welt. Womöglich ist er selbst den Verhältnissen zu sehr verhaftet, als dass er da objektiv sein könnte. Er ist Besitzer mehrerer Firmen und daneben Mitglied der "Army science advisory group". In dieser Eigenschaft arbeitet er vertraulich mit am Schlachtfeld der Zukunft, auf dem selbststeuernde Roboterschwärme, Nanowaffen und "intelligenter Staub" zum Einsatz kommen sollen. Könnten diese Aktivitäten nicht dazu beitragen, Bedingungen hervorzurufen (weitere Kriege in der nahen Zukunft, außer Kontolle geratende Waffen), die das Eintreffen der Singularität verzögern könnten? Kurzweil problematisiert einen mit Nanowaffen geführten Krieg mit keinem Wort.

Das Buch bietet eine Sammlung von technischen Superlativen, die fortlaufend aneinandergereiht werden, ohne dass man als Leser den Wert der Information immer nachvollziehen könnte. Was bedeutet es wirklich, wenn eine ultimative Maschine in der Zukunft in der zehntausendsten einer Nanosekunde das menschliche Denken der letzten zehntausend Jahre ableisten sollte? Kann sie es durchdenken, verstehen, so weit es überhaupt dokumentiert ist, oder nur als Information abrufen? Hier kommt eine technische Überfaszination zum Ausdruck, die wenig erkenntnisbringend ist. Also alles nur "totalitäre Kontrollfantasien" (Peter Krieg)? Zu diesem Urteil möchte ich nicht kommen. Kurzweils Buch regt an, an den Grenzen des technologischen Fortschritts zu spekulieren. Das Ziel der Singularität werde es sein, die Materie des Universums mit Intelligenz zu versehen, ein Ziel, das technikphilosophisch durchaus diskussionswürdig ist. Für Kurzweil gerät sie dabei in Gottesnähe – aber warum sollte die versammelte KI einer Singularität einer solchen anthropomorphen Vorstellung folgen?

Kurzweils Buch hat etwas von einer Predigt: die ständige Aufeinanderfolge immer derselben Argumente, die uneingelöste, ja uneinlösbare Schecks auf eine ungewisse Zukunft darstellen, ermüdet beim Lesen und dient einer sektiererisch wirkenden Selbstvergewisserung ("Ich bin ein Singularitianer" lautet eine Kapitelüberschrift). Dass die Singularität unausweichlich eintreffen werde, da der technische Fortschritt nun mal in verschiedenen Bereichen exponentiell sei, macht aber in der x-ten Wiederholung keinen neuen Sinn. Kurzweil kritisiert einen übervorsichtigen wissenschaftlichen Pessimismus, der den Blick mancher Wissenschaftler verenge; dem ist zuzustimmen, aber ein übertriebener Technikoptimismus ohne den Einbezug von sozialhistorischen Bedingungen kann nicht die Alternative sein.

 

Rezensiert von Wolfgang Neuhaus

erschienen in: Wolfgang Jeschke / Sascha Mamczak (Hg.): Das Science Fiction Jahr 2007, Heyne Verlag, München 2007