Julian L. Simon
Dem Menschen innewohnend ist eine eigentümliche Obsession mit Schreckensmeldungen und Visionen von drohenden Katastrophen, die diversen Sekten regen Zulauf beschert. Doch auch durch die Presse geistern Meldungen und Berichte, die die Zukunft nur allzuoft in den düstersten verfügbaren Farben malen. Eine Schreckensvision, die so oft wiederholt und mit kräftigen Worten unterstrichen worden ist, daß sie inzwischen wie die selbstverständlichste Wahrheit erscheint, bezieht sich auf Überbevölkerung und Umwelt. Das unkontrollierte Wachstum der Bevölkerung in vielen Teilen der Welt führe zu Armut, Hunger und Umweltzerstörung, die Situation werde immer schlimmer. Wenn nicht bald gehandelt würde, drohe uns allen der Untergang.
So selbstverständlich und untentrinnbar scheint uns diese Logik, daß es kaum die für nötig gehalten wird, sie mit Tatsachen zu untermauern. Dabei sprechen die Fakten eine ganz andere Sprache. Ob Lebenserwartung, Bildung, Einkommen: fast jeglicher statistische Meßwert des Wohlbefindens und der Fortentwicklung der Menschheit hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten kontinuierlich verbessert, sowohl in den Industrieländern wie in der Dritten Welt. An der öffentlichen Meinung ändert sich aber wenig. Ähnlich wie Sekten, die sich dazu hinreißen hatten lassen, einen konkreten Zeitraum für den Weltuntergang anzugeben, und die dann ihre Prophezeiung zurückziehen mußten ("aber nächstes Jahrzehnt kommt der Weltuntergang ganz bestimmt!"), deswegen selten Mitglieder verloren, so hat es auch der Glaubwürdigkeit von diversen Untergangspredigern nicht geschadet, daß sie die Malthussche Katastrophe erst für die 70er, dann für die 80er und dann für die 90er voraussagten, ohne, daß irgend etwas Wesentliches passiert wäre. Denn es scheint offensichtlich, daß es früher oder später zur Katastrophe kommen muß: schließlich gibt es immer mehr Menschen, die natürlichen Ressourcen sind aber beschränkt.
Ein Buch nun, das genau das Gegenteil behauptet, daß es nämlich zu keiner Katastrophe kommen werde, daß es den Menschen auch in Zukunft besser und besser gehen werde, und daß Maßnahmen zur Bevölkerungskontrolle nicht nur überflüssig, sondern auch schädlich sind, hat also nicht nur das ganze Gewicht der öffentlichen Meinung gegen sich, sondern muß auch dieses und andere scheinbar schlagkräftige Argumente widerlegen. Das Buch von Simon wird dieser Aufgabe vorzüglich gerecht: es ist nicht nur sauber recherchiert und bietet viele eindeutige Fakten, sondern es entwickelt auch eine Theorie, die zeigt, warum sich die Vorhersagen der Untergangapostel wieder und wieder als falsch erwiesen haben, und warum die intuitiv selbstverständlichen Argumente schlichtweg falsch sind.
Ein zentraler Kern dieser Theorie ist die folgende, wiederum völlig konterintuitive Aussage: die natürlichen Ressourcen können in keiner sinnvollen Weise als beschränkt bezeichnet werden. Die herkömmliche Theorie sagt, daß etwa ein Metall zuerst an leichter zugänglichen Stellen, dann an den entlegeneren zu Tage gefördert wird, wodurch der Preis immer weiter steigt, bis schließlich alle Depots erschöpft sind.
Tatsächlich wird aber die Technologie zur Gewinnung des Rohstoffes besser und besser, so daß effektiv die Preise fallen, wie es etwa für alle wichtigen Metalle in den letzten 150 Jahren zu beobachten ist. Die Depots der Erde sind dagegen so riesig, daß es kaum Sinn macht, von einer Begrenzung zu sprechen. Sämtliche Vorhersagen, die etwa das Versiegen des Erdöls für die nächsten soundsoviel Jahre prophezeiten, sind unseriös, weil sie jeweils als Grundlage nur die zu diesem Zeitpunkt bekannten Ressourcen berücksichtigten. Sobald es sich als nötig erwies, wurden neue Depots entdeckt. Sicher, die insgesamte Menge des Erdöls auf der Erde mag zwar wesentlich größer als allgemein angenommen sein, ist aber immer noch endlich. Dennoch macht es keinen Sinn, sie im ökonomischen Sinne als endlich zu bezeichnen, weil sie etwa durch spezielle Rapspflanzen wieder vermehrt werden kann. Der Mensch hat in der Vergangenheit immer wieder Mittel und Wege gefunden, Engpässe mit Innovationen zu beseitigen, die nicht nur das ursprüngliche Problem behoben, sondern zu einem höheren Wohlstand führten, als bevor das Problem überhaupt auftrat. Doch für die Zukunft scheint der Mensch sich alle solche Fähigkeiten absprechen zu wollen, und nur die düstersten Szenarien zu sehen.
Gerade weil die von Simon vorgetragenen Ideen so konterintuitiv sind, ist es unmöglich, sie auf so kurzem Raum überzeugend zusammenzufassen. Insbesondere kann auf die Hauptthese, daß zusätzliche Menschen längerfristig mehr Wohlstand bringen und nicht weniger, hier nicht eingegangen werden; das Buch hat nicht umsonst über 700 Seiten. Diese seien aber jedem wärmstens zur Lektüre empfohlen, der sich dafür interessiert, wie es wirklich um die Menschheit steht. Für Transhumanisten jedenfalls ist das Buch Pflichtlektüre, denn keine andere Ansammlung von Ideen, wie die in diesem Buch widerlegten, trägt so dazu bei, daß menschlicher Fortschritt unnötig gebremst wird. Es wäre höchste Zeit, daß sich die öffentliche Meinung ändert.
Ein persönliches Wort zum Schluß: ich kann mir gut vorstellen, daß viele diese Rezension jetzt einfach ignorieren und das Buch nie lesen werden. Ich kann mich noch gut erinnern, wie mir am Anfang Simons Aussagen als weit hergeholt, ja völlig lächerlich erschienen. Das Gegenteil war ja schließlich wieder und wieder so überzeugend dargestellt worden. Wem es genauso geht, der sollte sich fragen, warum denn die Vorhersagen von Katastrophen sich seit Malthus' Zeiten wieder und wieder als falsch herausgestellt haben, und sich von unabhängiger Quelle Daten über die Entwicklung der sozialen Indizes verschiedener Bevölkerungsgruppen über die Jahre besorgen. Natürlich gibt es bei vielen Problemen der Umwelt und der Ökonomie weiterhin Grund zur Besorgnis; deshalb aber zu drastischen Maßnahmen zu greifen, und anderen vorzuschreiben, wie viele Kinder sie bekommen sollen, oder auf technische Errungenschaften zu verzichten, wie es viele Umweltschützer fordern, wäre übertrieben und verfehlt.