1. Jedes auf rationalem Gebrauch von Wissenschaft, Technik, Kreativität und anderen Mitteln basierende Denk- oder Aktionsschema, das menschliche Grenzen zu überwinden sucht durch Verlängerung der maximalen Lebenserwartung, Erhöhung der Intelligenz sowie physische und psychische Verbesserung des Menschen.
2. Die geistige und kulturelle Bewegung, die sich, gleich dem Humanismus, für menschlichen Fortschritt insbesondere durch Anwendung der Vernunft anstelle des Glaubens engagiert; sie unterscheidet sich vom Humanismus darin, daß sie fundamentale Änderungen des menschlichen Wesens zum Besseren nachdrücklich für möglich und wünschenswert hält, beispielsweise durch Einsatz der Technik zur Eliminierung des Alterns und einer bedeutenden Erweiterung der intellektuellen, physischen und psychischen Kapazitäten des Menschen.

Der Wunsch des Menschen, seine ihm von der Natur in Form seiner biologischen Konstruktion gesteckten Grenzen zu überwinden, ist wohl so alt wie das Denken selbst. Stärker, schneller, intelligenter zu werden, als das natürlicherweise möglich schien, hat von jeher die Phantasie der Dichter beflügelt. Was jedoch zur Verwirklichung dieser Ziele fehlte, war zuallererst das Wissen um die Ursachen dieser Beschränkungen. Im Streben nach Erklärungen der (menschlichen) Natur füllte man diese Lücke mit religiösen oder magischen Konzepten, die vordergründig darauf abzielten, die Beantwortung diverser Fragen entweder durch Dogmen und Glaubenssätze zu ersetzen oder "auf später" zu verschieben (z.B. Jenseits, unsterbliche Seele).
Viele Menschen gaben sich damit jedoch nicht zufrieden, suchten ihre eigenen Antworten und trugen so Stück für Stück den gewaltigen Erkenntnisschatz zusammen, der die moderne Wissenschaft ausmacht. Der rasante Fortschritt der letzten Jahrzehnte liefert uns nun ein immer detaillierteres Bild der Welt, die uns umgibt, und deren Bestandteil wir sind. Dies bringt uns von Tag zu Tag einem Teil des uralten Traums näher: wir beginnen zu verstehen, warum unsere Grenzen dort liegen, wo wir sie vorfinden. Wir begreifen die Gesetzmäßigkeiten, nach denen auch wir, als Teil der Natur, konstruiert sind. Unsere Weltsicht gestaltet sich radikal um; der Mensch verliert seinen Platz als "Krone der Schöpfung" und erweist sich einfach als (höchst komplexes) Produkt einer langen evolutionären Entwicklung, die mit einfachsten zur Selbstreplikation fähigen Molekülen begann und gelenkt wurde (nicht in einem aktiven, zielgerichteten Sinn!) durch zufällige äußere Umstände.
Dies mag auf den ersten Blick als bedauerlich erscheinen und den Menschen seiner von vielen als "gottgegeben" angesehenen Sonderstellung berauben (und in der Tat haben die Kirchen erwartungsgemäß die größten ideologischen Probleme mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen). Transhumanisten hingegen sehen hierin unermeßliche Chancen.
Denn warum quasi einen Schritt vor dem Ziel stehenbleiben? Warum sich mit der "reinen Erkenntnis" der Zusammenhänge in der Welt (besonders der biologischen) zufriedengeben? Wir beginnen zu verstehen, wie wir unsere Grenzen überwinden können! Es wird uns möglich sein, den alten Menschheitstraum zu verwirklichen, uns geistig und körperlich zu verbessern, mit Hilfe von Wissenschaft und Technik die im Zuge der natürlichen Evolution entstandenen suboptimalen biologischen Lösungen durch eigene, unseren Vorstellungen entsprechende zu ersetzen. Der Mensch wird nicht mehr auf das blinde Spiel der Natur (d.h. der Gene) angewiesen sein und sich endlich frei entfalten können. Der Mensch wird seine eigene Entwicklung steuern. Dies ist die Grundidee des Transhumanismus.
"Moralische" Bedenken?
Transhumanismus propagiert nicht weniger als die mögliche totale Umgestaltung der menschlichen Art, die selbstgesteuerte Evolution. Natürlich gibt es viele Menschen, auf die diese Gedanken unnatürlich und erschreckend wirken. Meist basiert das auf (religiösen) Vorurteilen oder einseitig negativer Erwartungen bezüglich der Folgen neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Ist z.B. das Streben nach Überwindung des gegenwärtigen menschlichen Zustandes "unnatürlich"? Man muß sich klar machen, daß die Grenzen des Begriffs "natürlich" fließend sind. Sieht man den Menschen als Teil der Natur an, so kann man mit Berechtigung auch alles, was er erschaffen hat, als Teil der Natur ansehen. Wo liegt der prinzipielle Unterschied zwischen einem zur Replikation fähigen DNA-Molekül und einer selbstreplizierenden Nanomaschine, die von Menschenhand geschaffen wurde?
Und ist alles im klassischen Sinne "natürliche" unbedingt positiv? Erstens bekämpfen die Menschen von jeher Krankheiten und andere Unannehmlichkeiten. Sobald sich eine neue Technik als wirkungsvoll und das Lebensniveau verbessernd erwiesen hat, wird sie allgemein akzeptiert, und niemand fragt mehr danach, ob z.B. Organtransplantationen, Empfängnisverhütung oder IVF (In-Vitro-Fertilisation) natürlich sind oder nicht. Zweitens verläuft die natürliche Evolution nicht zielgerichtet (schon gar nicht "zum Wohle des Menschen"), sondern völlig zufällig und blind. Warum sollen wir unser Schicksal in dieser Hinsicht (als Art) dem Zufall überlassen, wo wir es doch bei anderen Gelegenheiten mit allen Mitteln zu unseren Gunsten zu beeinflussen versuchen?
Jeder, der angesichts des Transhumanismus den "moralischen Zeigefinger" hebt, sollte sich seiner wirklichen Beweggründe dafür im Klaren sein und sich bewußt machen, daß Ethik und Moral geschichtlich gewachsene Komplexe von Überzeugungen und Lebensregeln sind, die für bestimmte äußere (und innere) Umstände Geltung beanspruchen können. Ändern sich diese Umstände, wie im Falle des Übergangs vom menschlichen zum trans- oder sogar posthumanen Zustand, so werden sich früher oder später auch die Anschauungen der Allgemeinheit ändern. Wie schnell dies vonstatten geht, hängt von Erziehung und Lebensphilosophie jedes Einzelnen ab.
Der Transhumanismus vollzieht schon heute diese Veränderungen und befürwortet deren Verwirklichung. Transhumanisten sind somit in idealer Weise auf zukünftige Entwicklungen vorbereitet.
(F. Prengel, T. Nahm)