...Grenzen überwinden

Der Transhumanismus hat –wie der Name bereits verrät – seine Wurzeln im (säkularen) Humanismus. Neu ist hier jedoch das „Trans“ (lat.: „jenseits von“ oder besser: "darüber hinaus"). Dies bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als das Bestreben, die natürlich gesetzten Grenzen menschlicher Fähigkeiten, Möglichkeiten und Bedingungen gezielt zu überwinden.

Hier scheint auf den ersten Blick nichts Neues dran zu sein: seit Jahrtausenden ist der Mensch darin bestrebt, seine natürlich gegebenen Grenzen durch technische Erfindungen zu überwinden. Mit Rädern kann er sich schneller fortbewegen, Seilzüge und Hebel ermöglichen ihm Aktionen, die jenseits seiner natürlichen menschlichen Fähigkeiten liegen und Ackerbau und Viehzucht machten den Menschen unabhängig vom Jagd- und Sammlerglück. Inzwischen hat der Mensch die Weltmeere überquert, kann fliegen und ist in den Weltraum vorgestoßen.

Transhumanisten gehen in ihren Bestrebungen aber noch ein Stück weiter: sie verfolgen das Ziel, die natürlichen Grenzen menschlicher Fähigkeiten durch den Einsatz von Technik zwecks physischer und kognitiver Selbstmodifikation zum Positiven zu erweitern und somit die Weiterentwicklung ihrer eigenen Spezies selbst in die Hand zu nehmen. Hierzu gehören bspw. die Eliminierung von Krankheiten, die Behebung von Behinderungen, die Verbesserung der intellektuellen Fähigkeiten, das Ausschalten schädlicher emotionaler Zustände und negativer Aggressionen sowie das Hinzufügen von neuen, für den Menschen unnatürlichen“ physischen Fähigkeiten. Ein weiteres wichtiges Anliegen ist die Eliminierung der durch das Altern verursachten Verfallsprozesse des Menschen.

Im Gegensatz zu Menschen, die ähnliche Ziele durch religiöse Praktiken erzielen möchten, setzt der Transhumanismus primär auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse und Technologie. Besonderes Interesse gilt hier der Nanotechnologie, Gen- und Biotechnologie, der Informationstechnologie und KI sowie den Kognitionswissenschaften (auch als NBIC-Konvergenztechnologien bezeichnet).

Da es den Transhumanisten (ebenso wie vielen anderen) darum geht, diese faszinierenden Möglichkeiten auch möglichst selbst erleben zu können, ist ihnen die Frage nach der Sicherheit und Umweltverträglichkeit neuer Technologien besonders wichtig.

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Eine kurze Geschichte des Transhumanismus

Bereits in Dante Alighieris  “Göttlicher Komödie” von 1312 -1321 taucht das Wort „transhumanere“ auf und beschreibt das Eintreten in einen Zustand der Glückseligkeit.

Der Begriff „Transhumanismus“ wurde 1957 von dem Biologen Julian Huxley (erster Generaldirektor der UNESO und Halbbruder des Schriftstellers Aldous Huxley) geprägt. 

Er definierte einen „Transhumanisten“ wie folgt: "[ein] Mensch, der Mensch bleibt, aber sich selbst, durch Verwirklichung neuer Möglichkeiten von seiner und für seine menschliche Natur, überwindet". [vgl.: Huxley, 1957]

1966 bezeichnet der iranisch-amerikanische Sozialwissenschaftler und Futurist Fereidoun M. Esfandiary (FM-2030) mit dem englischen Wort „Transhuman“ (=  transitional human: Mensch im Übergang) Menschen, die sich aufgrund ihrer Einstellung zu Technologie, Weltanschauung und Lebensstil auf dem Weg zum „Posthumanen“ befinden. Posthuman sind für ihn zukünftige Personen, welche die eingangs erwähnte physische, psychische und intellektuelle Selbstentwicklung durchgeführt haben. [vgl.: "Are You Transhuman" von Esfandiary, 1989]

Abraham Maslow (der Begründer der Maslowschen Bedürfnispyramide) und Robert Ettinger (der Vater der Kryonik) verwendeten ebenfalls ähnliche Begriffe und Konzepte.

Die moderne Definition des „Transhumanismus“ geht auf Max More und Tom Morrow (1988) zurück: „Transhumanismus ist eine Kategorie von Anschauungen, die uns in Richtung eines posthumanen Zustands führen. Transhumanismus teilt viele Aspekte mit dem Humanismus, einschließlich eines Respekts vor Vernunft und Wissenschaft, einer Verpflichtung zum Fortschritt und der Anerkennung des Wertes des menschlichen (oder transhumanen) Bestehens in diesem Leben. [...] Transhumanismus unterscheidet sich vom Humanismus im Erkennen und Antizipieren der radikalen Änderungen in Natur und Möglichkeiten unseres Lebens durch verschiedenste wissenschaftliche und technologische Disziplinen [...]“ [vgl.: More, 1990, 1996].

Anders Sandberg, ein kontemoprärer Transhumanist bezeichnet den Transhumanismus als „die Philosophie, dass wir uns zu höheren Niveaus entwickeln können und sollten, physisch, geistig und sozial, durch den Gebrauch rationaler Methoden“ [vgl. "Definitions of Transhumanism"]

Auch gibt es gewissermaßen zwei Hauptströmungen des Transhumanismus:

Die ursprüngliche, als Extropianimsmus“ bezeichnete Form geht auf Max More zurück und beinhaltet als wichtigste Komponenten:

  • Grenzenlose Expansion
  • Selbstveränderung
  • Dynamischer Optimismus
  • intelligente Technik
  • Information, Diversität, Wachstum und Verantwortung

Der Extropianismus vertritt eine sehr liberale politische Ausrichtung (Libertarian), in der der Staat auf ein Minimum beschränkt werden soll.

Der sog. „Demokratische Transhumanismus“ großteils durch die „World Transhumanist Association“ und v.a. den europäischen Transhumanismus („Euro Transhumanismus“) vertreten, stimmt mit den Grundprinzipien des Extropianismus überein, versucht hier aber v.a. demokratische Elemente einzubinden. 

Obwohl der Transhumanismus generell als säkulare (atheistische oder agnostische) Philosophie gilt, gibt es dennoch Anknüpfungspunkte zum Buddhismus und liberalen Christentum. Dennoch distanzieren sich Transhumanisten ausdrücklich von "religiösem Fundamentalismus", sog. "neuen religiösen Bewegungen" und jeglicher Art von Faschismus

 

[MJSL-2050, 2007-06-02]